Für eine künstlerische Intervention in Oldenburg installiert Franz John einen Lichtdraht am Staatstheater mithilfe einer Wasserwaage.
Foto: Alfred Janßen

5mNN – Szenarien des Klimawandels aus der Sicht eines Künstlers

TLDR:

Im September 2019 spannte Franz John im Rahmen einer künstlerischen Intervention Lichtdrähte in Oldenburg und machte damit auf die niedrigen Höhenlagen der Stadt und deren mögliche Gefährdung durch Folgen des Klimawandels aufmerksam. Der Künstler verbindet Technik und Natur, um unsere Wahrnehmung der Welt zu erweitern.

Lesedauer: 4 min Kategorien: Klimawandel, Kunst und Wissenschaft Datum: 27. Februar 2020

Wer in der Zeit vom 20. bis 26. September 2019 abends in Oldenburg war, konnte den einen oder anderen horizontal gespannten blauen Lichtdraht sehen. Insgesamt leuchteten fünf Drähte für mehrere Stunden in der Altstadt und waren Teil einer künstlerischen Intervention von Franz John: Mit den auf fünf Metern über Normalnull angebrachten Lichtdrähten machte der Künstler darauf aufmerksam, dass Oldenburgs Innenstadt nur knapp über dem Meeresspiegel liegt.

Künstlerinnen und Künstler bedienen sich der Methode der Intervention, wenn sie im öffentlichen Raum auf einen besonderen Sachverhalt hinweisen möchten. „Mit den Lichtdrähten wollte ich veranschaulichen, wo in einem pessimistischen Szenario der Wasserstand in Oldenburg in 50 bis 100 Jahren stehen könnte, sei es nach einer Sturmflut oder durch einen extremen Meeresspiegelanstieg infolge des Klimawandels“, sagt John. „Es geht nicht um den erhobenen Zeigefinger sondern darum, für das Thema zu sensibilisieren.“

Der Draht am Oldenburger Hafen nahe der Promenade war etwas höher als auf Kopfhöhe angebracht und erscheint auch auf dem Foto zum Greifen nah. Die Geländehöhe beträgt hier 2,80 Meter über Normalnull.
Foto: Alfred Janßen
Der Lichtdraht nahe der Alten Post war von Ufer zu Ufer gespannt und „schwebte“ vor dem Springbrunnen im so genannten Jordan. Der Bodenpunkt, von dem aus John die Höhe des Drahts bestimmte, lag auf 3,88 Metern über Normalnull.
Foto: Alfred Janßen

Franz John legt Wert auf die genaue Wiedergabe der wissenschaftlichen Informationen, die in seine Projekte einfließen. Für die Vermessung der Bodenpunkte, die er für die exakte Ausrichtung der Lichtdrähte brauchte, bat er Professor Harry Wirth und Tobias Berndt vom Institut für Mess- und Auswertetechnik der Jade Hochschule um Unterstützung. Sie ermittelten die Höhen der Bodenpunkte per Satellitenpositionierung.

Nach der Vermessung verzichtete der Künstler an manchen ursprünglich eingeplanten Orten darauf, Lichtdrähte anzubringen. Am Lappan – dem bekannten Glockenturm in der Innenstadt und Wahrzeichen Oldenburgs – beispielsweise maßen die Wissenschaftler Geländehöhen von 4,96 bis 4,98 Meter über Normalnull. „Die Drähte hätten sich nur wenige Zentimeter über dem Boden befunden und Menschen zum Stolpern bringen können“, sagt John.

Franz John (links) bei der Vermessung eines Bodenpunkts nahe der Alten Post mit Tobias Berndt (Mitte) und Professor Dipl.-Ing. Harry Wirth.
Foto: Piet Meyer/Jade Hochschule

Drähte wie Glühwürmchen

Lichtdraht hat John bereits in früheren Projekten als Medium eingesetzt. „Das Besondere an diesem Draht ist, dass er mit sehr wenig Strom auskommt“, erklärt er. „Zwei simple 1,5-Volt-Batterien reichten aus, um die Drähte in Oldenburg vier Stunden leuchten zu lassen. Daher vergleiche ich die Lichtdrähte im Energieverbrauch mit Glühwürmchen. Sie sind wie Leuchtstoffröhren beschichtet und leuchten, wenn Spannung angesetzt wird.“

Fotograf Alfred Janßen von der Oldenburger Kunstschule begleitete die Intervention und machte Langzeitbelichtungen von den Drähten. Abzüge der Fotos in großen Formaten wurden im Dezember in den Schlosshöfen ausgestellt. 

Szenarien des Klimawandels

Seit vielen Jahren lebt John in Berlin. Oldenburg kennt er ebenfalls seit langer Zeit. Insbesondere mit dem Edith-Russ-Haus für Medienkunst, das seine Arbeiten mehrfach ausgestellt hat, ist der Künstler verbunden. „Vor vielen Jahren bin ich im Rahmen meiner Arbeit durch Oldenburgs Innenstadt gegangen“, erzählt John. „Mit fiel mir auf, dass die Altstadt etwa vier bis fünf Meter über Normalnull liegt. Alles außen herum liegt nur zwei bis drei Meter über Normalnull. So habe ich über den Meeresspiegel nachgedacht. Was wird passieren, wenn er ansteigt?“

2005 hatte Franz John schon einmal ein Projekt zum Thema Meeresspiegel umgesetzt. „Die Salztangente“ entstand im Rahmen der Skulpturbiennale Münsterland. Damals realisierte er Markierungen bezogen auf ein Urmeer, das in der Region einmal existiert hat und nun ausgetrocknet und verschwunden ist. „Metaphorisch ist es interessant, dass ich jetzt ein Projekt zum Klimawandel gemacht habe. Damals, mit der Salztangente, habe ich die Vergangenheit des Meeres visualisiert. Das Projekt in Oldenburg betrachtet die Zukunft“, sagt John. „Die Probleme heute sind Sturmfluten und die Versalzung des Bodens. Obstbaumplantagen entwickeln sich nicht mehr richtig. Überflutungen und der Anstieg des Grundwasserspiegels kontaminieren den Boden mit Salz.“

Die Wahrnehmung erweitern

In seiner Kunst verbindet John Technik und Natur, damit wir mehr wahrnehmen als das Offensichtliche. „Ich nutze Medien und experimentiere damit, wie wir die Natur durch das Medium neu und in erweiterter Form wahrnehmen können “, erklärt er.

Seine künstlerische Beschäftigung mit der Natur, berichtet John, begann mit einer Expedition an den Polarkreis. „Damals, 1992, hat mich der Polarkreis sehr interessiert. Dieser markiert den Bereich, wo zur Sonnenwende im Winter die Sonne nicht mehr aufgeht. Wir haben als Künstler_innen direkt in der Natur gearbeitet und die Logistik der Stadt Rovaniemi genutzt, um ein Eisgebäude in der Natur zu errichten, nur mit natürlichen Materialien. Die Ausstellung sollte sich mit der Eisschmelze in der Zeit von April bis Mai selbst zerlegen. Die Besucher kamen mit Motorschlitten“, erinnert sich John. „Das Projekt stand jedoch für geraume Zeit auf der Kippe, weil der Fluss bis in den Dezember hinein nicht zufrieren wollte. Das war dort neu. Aus heutiger Sicht waren dies erste Anzeichen für Veränderungen des Klimas.“

Ein Blick durch die Maschine

Im selben Jahr nahm John im Karl Ernst Osthaus-Museum in Hagen(Westfalen) an der Ausstellung „Trivial Machines“ teil. „Ich fragte den Direktor, ob ich das Vordach des Museums nutzen darf, und stellte einen Farbscanner und einen Computer dort auf. Damit habe ich über 24 Stunden eine Erdumdrehung mitgemacht und die Umdrehung durch den Scanner dokumentiert. Damit ich nicht einschlafe, habe ich alle 10 Minuten einen Scan ausgelöst. Der Scanner hat den Himmel eingescannt.“ Die Scans hat John anschließend als Film animiert. Der Film war wiederum im Edith-Russ-Haus in Oldenburg zu sehen.

Kunst und Physik

Nach diesen vielfältigen Einblicken in die Welt der künstlerisch erweiterten Wahrnehmung frage ich Franz John, welche Idee er in Hinblick auf unsere Umwelt als nächstes realisieren möchte. „Konkret bin ich seit einem Jahr mit einigen Forschenden aus der Astrophysik im Austausch, die zu Gravitationswellen forschen“, antwortet er. „Vor wenigen Jahren wurden erstmals Gravitationswellen durch Verschmelzung zweier Schwarzer Löcher nachgewiesen, nachdem Einstein vor hundert Jahren die Existenz von Gravitationswellen vorhersagte. Was außerhalb der Stratosphäre und außerhalb unseres Sonnensystems stattfindet finde ich durchaus sehr spannend.“

Über das Kunstprojekt 5mNN

Die Oldenburger Kunstschule initiierte das Projekt und ludt Künstlerinnen und Künstler ein, als Stadtutopistinnen und -utopisten zu aktuellen Themen und Fragestellungen wie Umwelt, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung zu arbeiten. Die Arbeiten sind partizipatorisch konzipiert und sollen Fiktionen und Vorstellungen von einem anderen Leben in dieser Stadt vermitteln.

Lesen Sie auch den Blog 5mNN.eu

Mehr über den Künstler erfahren Sie auf der Website von Franz John

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