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Corona, das Klima und die Uni

TLDR:

Mehr Homeoffice, weniger Pendeln – Corona hat die Arbeitswelt verändert. Was das für den Energieverbrauch an der Universität Oldenburg bedeutet, untersuchten drei Studierende im Rahmen des Lehrprofils forschen@studium.

Lesedauer: 3 min Kategorie: Klimawandel Datum: 17. Juni 2021

Wie hat Corona die Welt verändert? Einige Entwicklungen sind schwer zu fassen, andere eindeutig in Zahlen auszudrücken: Um 1551 Millionen Tonnen gingen die weltweiten CO2-Emissionen in der ersten Jahreshälfte 2020 gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück – ein Minus von 8,8 Prozent. Weder die Finanzkrise von 2008 noch die Ölkrise von 1979 wirkten sich so drastisch auf die Treibhausemissionen aus.

Was diese großen Entwicklungen im Kleinen bedeuten, untersuchten drei Studierende der Universität Oldenburg. „Wir wollten herausfinden, wie die Coronapandemie den Energieverbrauch und den Ausstoß von Treibhausgasen an der Universität beeinflusste“, erläutert Diana Maldonado. Sie studiert im dritten Semester im Masterstudiengang „Postgraduate Programme Renewable Energy“, ebenso wie Angela Gamba und Mike Rowen. Die drei besuchten zusammen ein Seminar über Nachhaltigkeit und erneuerbare Energie und planten, ihre Seminararbeit gemeinsam zu schreiben.

„Als dann das Referat Studium und Lehre im Rahmen des Lehrprofils forschen@studium studentische Forschung zu Corona förderte, ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“, sagt Mike Rowen. Nicht nur konnten die Studierenden ihre Untersuchungen zum Energieverbrauch der Uni als Seminararbeit einreichen. Durch die Förderung der Universität war es ihnen außerdem möglich, ihr Projekt auszuweiten: Sie wurden sechs Monate lang als studentische Hilfskräfte angestellt und erhielten Sachmittel für ihre Forschung.

Homeoffice statt Pendeln – was macht das mit den Emissionen?

Im Juni 2020 begann die Gruppe mit ihrer Arbeit – zu einer Zeit also, als trotz einiger Öffnungen und Lockerungen der Großteil der Universitätsangehörigen weiterhin von zu Hause lernte und arbeitete. „Da drängte sich natürlich die Frage auf, wie viel die etwa 16.000 Studierenden und 2.700 Beschäftigten insgesamt an Treibhausgasen einsparen, wenn sie sich nicht Tag für Tag auf den Weg zur Uni machen und auch nicht auf Geschäftsreisen gehen“, sagt Diana Maldonado. Um das herauszufinden, konzipierte die Gruppe eine Umfrage, die gut 300 Mitarbeiter_innen und Studierende der Universität vollständig ausfüllten.

Basierend auf den Antworten erstellte die Gruppe Hochrechnungen für die gesamte Universität. Das Ergebnis: Die Treibhausgase, die durch Pendeln zur Uni entstehen, gingen auf etwa ein Fünftel zurück – von knapp 2500 Tonnen CO2-Äquivalenten im Wintersemester 2019/20 auf etwa 520 Tonnen im Sommersemester 2020. Auch durch ausgefallene Geschäftsreisen wurden Treibhausgase eingespart. Hier fiel allerdings der Unterschied mit 1330 Tonnen im Wintersemester 2019/20 gegenüber knapp 400 Tonnen im Sommersemester 2020 weniger drastisch aus.

Die Studentin Diana Maldonado,
Insbesondere durch weniger Fahrten zur Uni lassen sich laut den Studierenden Treibhausgase einsparen. Oder man benutzt – wie Diana Maldonado – gleich das Fahrrad.
Foto: Hendrik Reinert

Energie sparen trotz zusätzlicher Server

Wenn kaum jemand zur Universität kommt, erzeugt diese selbst auch weniger Emissionen – so weit, so klar. Doch wie viel an Energie und Emissionen konnte vor Ort konkret eingespart werden? Um das herauszufinden, baten die Studierenden die Universität um Daten zu Energieerzeugung und -verbrauch. „Dabei stellten wir fest, dass die Emissionen aus dem Stromverbrauch im Sommersemester 2020 gegenüber dem Sommersemester 2019 deutlich zurückgegangen sind – von etwa 2100 auf knapp 1300 Tonnen CO2-Äquivalente“, sagt Angela Gamba.

Die Einsparungen durch Homeoffice und Distanzlernen übertrafen bei weitem die zusätzlichen Emissionen, die durch die Pandemie entstanden. So installierte die Universität im Juni 2021 fünf neue Server, um stabile Internetverbindungen zu gewährleisten. Laut den Hochrechnungen der Studierenden verursachen sie jährlich 5,6 Tonnen CO2-Äquivalente. Wie sich der Energieverbrauch der einzelnen Universitätsangehörigen im Homeoffice verändert hat, haben die Studierenden allerdings nicht ermittelt. Zu unterschiedlich sind hier die individuellen Voraussetzungen, um Schätzungen anzustellen.

Die Studentin Angela Gamba
Warten auf den Bus zur Uni – nicht nur für Angela Gamba ist das in Zeiten von Corona zur Seltenheit geworden.
Foto: Hendrik Reinert

Klimaschutz nach der Pandemie – mit Homeoffice und Blockheizkraftwerk

Wie auch nach der Pandemie die Emissionen verringert werden könnten, dazu entwarf das Team verschiedene Szenarien. „Alleine durch das neue Blockheizkraftwerk, das die Universität im Februar 2021 errichtet hat, kann sie laut unseren Berechnungen ihre Emissionen um etwa 12,5 Prozent senken“, erläutert Diana Maldonado. Bezüglich des Arbeitswege spielte das Team verschiedene Szenarien durch. Was würde beispielsweise geschehen, wenn der Autoverkehr von und zur Uni um 30 Prozent reduziert würde oder alle Uniangehörigen für Strecken unter fünf Kilometer auf Auto oder Bus verzichten? In beiden Fällen gehen die Emissionen laut den Prognosen der Studierenden deutlich zurück.

„Am effektivsten stellte sich aber ein Tag im Homeoffice pro Woche für alle Universitätsangehörigen heraus“, erläutert Mike Rowen. Nach den Untersuchungen der Gruppe ließen sich so die Emissionen um etwa 20 Prozent senken. „Es hat uns selbst überrascht, wie viele Emissionen durch Pendeln entstehen und wie viel CO2 sich hier einsparen lässt“, sagt Rowen.

Der Student Mike Rowen
Die Studierenden – hier Mike Rowen – möchten ihre Ergebnisse in Zukunft in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichen.
Foto: Hendrik Reinert

Vom Studium in die Forschung

Die Erkenntnisse der Studierenden decken sich mit Empfehlungen beispielsweise von Greenpeace Deutschland. Laut einer Untersuchung, die die Organisation in Auftrag gab, könnten etwa 40 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland zumindest teilweise im Homeoffice arbeiten. Selbst wenn nur etwa 60 Prozent von ihnen einen Tag pro Woche im Homeoffice arbeiten würden, ließen sich jährlich etwa 1,6 Millionen Tonnen Co2-Äquivalente einsparen.

Mit der Universität, dem Asta und dem Arbeitskreis Klimaneutrale Uni hat die Gruppe schon Gespräche geführt, in denen sie ihre Ergebnisse und Ideen vorstellte. Momentan arbeitet sie außerdem daran, ihre Forschung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu veröffentlichen und eventuell auf einer Konferenz vorzustellen – Neuland für die Studierenden. „Das Projekt hat uns geholfen, erste Erfahrungen in der Forschung zu sammeln“, sagt Angela Gamba.

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