Der Stupa (bhuddistischer Kuppelbau) Boudhanath in Nepals Hauptstadt Kathmandu (links), der Große Buddha Dordenma (Mitte) nahe der bhutanesischen Hauptstadt Thimphu und der Dzong in Punakha, ein traditioneller Verwaltungssitz in Bhutan (rechts).

„Den Menschen ohne Stimme eine Stimme geben“: Journalismus in Nepal und Bhutan

TLDR:

Wie verstehen Journalistinnen und Journalisten in Transformationsländern wie Nepal und Bhutan ihre Rolle? Prof. Dr. Beate Illg widmet ihre Forschungsarbeit dieser Frage und erläutert im Interview ihre Erkenntnisse.

Lesedauer: 10 min Kategorien: Interview, Journalismus Datum: 4. Juli 2020

Nepal und Bhutan haben 2008 die Demokratie eingeführt. Im Verlauf mehrerer Forschungsaufenthalte hat die Kommunikationswissenschaftlerin Professorin Dr. Beate Illg dortige Journalistinnen und Journalisten zu ihrem beruflichen Selbstbild befragt.

ForschungsNotizen (FN): Frau Illg, Sie haben Journalistinnen und Journalisten in Bhutan und Nepal interviewt. Was waren ihre Hauptfragestellungen?

Prof. Dr. Beate Illg (BI): Meine Fragen waren: Wie ist das Selbstbild der Journalistinnen und Journalisten? Wie beschreiben sie ihre Funktion? Wollen sie sich für die Gesellschaft einsetzen und inwiefern wollen sie das? Wie hängt das Selbstbild der Journalistinnen und Journalisten mit dem Demokratieprozess im eigenen Land zusammen? Finden sie es wichtig, den Prozess zu befördern, oder haben sie eine „hidden agenda“ (versteckte Zielsetzung, Anm. d. Red.)? Wie stehen sie zur Demokratie – sind sie eventuell dagegen? So etwas beantwortet natürlich keiner ganz direkt. Aber ich habe den Eindruck, dass ich relativ offene Antworten erhalten habe.

FN: Was müssen wir wissen, um die Demokratisierung in Nepal und Bhutan zu verstehen?

BI: Nepal und Bhutan liegen nebeneinander und haben formal eine ähnliche Entwicklung, da sie 2008 den Demokratisierungsprozess eingeläutet haben. In Nepal ging den ersten demokratischen Wahlen ein zehnjähriger Guerillakrieg voraus. Der Krieg dauerte von 1996 bis 2006. In Bhutan waren die Vorbedingungen ganz anders: Dort besteht eine konstitutionelle Monarchie. In Bhutan hat der König von sich aus seine Macht dezimiert. Er wollte im Grunde das Königreich schützen und die aus seiner Sicht guten Zustände etwas unabhängiger von der Person des Königs machen. Deshalb sollte es ein Parlament geben. Die Demokratie war damals in Bhutan nicht einmal von allen gewollt. Die Menschen dort fahren mit ihrem Königreich einigermaßen gut. Einerseits vergöttern sie ihren König fast. Andererseits ist es offiziell verboten, kritisch über ihn zu berichten. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass er mindestens eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung hat.

FN: Was haben Sie herausgefunden?

BI: Meine Haupterkenntnis war, dass sowohl in Nepal als auch Bhutan das Bild des „advocacy journalism“ stark ausgeprägt ist. Dass sich der Journalist, die Journalistin anwaltschaftlich für die Bevölkerung einsetzen will. Ein Zitat, dass ich immer wieder hörte, war „to give a voice to the voiceless“ – den Menschen ohne Stimme eine Stimme geben. Professor Dr. Thomas Hanitzsch vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Uni München forscht zum Journalismus international, überwiegend quantitativ. Meine Ergebnisse passen zu seinen Erkenntnissen, dass Journalismus in Transformationsländern, so auch in den von mir erforschten Ländern Asiens, die Funktion hat, sich für den Teil der Bevölkerung zu engagieren, der sich nicht für seine Rechte einsetzen oder wehren kann. In den Interviews habe ich ganz viele Einzelgeschichten gehört über Skandale und über die Aufdeckung von Missständen. Ein nepalesischer Journalist hatte beispielsweise illegale Nierentransplantationen aufgedeckt, die ohne Einwilligung der „Spender“ vorgenommen wurden. Eine bhutanesische Journalistin hatte eine Kleideraktion für eine junge Frau gemacht, die nach einer Vergewaltigung ein Kind bekommen hatte und nicht in der Lage war, für das Kind aufzukommen. Hier verwischen auch die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus. Die Grenze ist nicht so klar, wie wir das bei uns sehen oder erwarten würden.

Eine andere erstaunliche Erkenntnis war, dass gerade in Nepal die Journalistinnen und Journalisten ein sehr hohes Commitment gegenüber ihrem Job haben. Sie berichten, dass sie in der Regel nicht von ihrem Job leben können. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen, bekannte Fernsehmoderatoren oder Journalisten aus sehr reichen Familien, die einen Verlag führen und finanzieren können. Die meisten brauchen einen Zweitjob – was übrigens in Bhutan besser ist. Trotzdem sehen die Journalistinnen und Journalisten in Nepal ihren Beruf als sehr wichtig an, berichten von hohen persönlichen Risiken die sie eingehen, obwohl sie schlecht bezahlt sind und manchmal monatelang kein Geld bekommen. Aber es gibt auch das, was man „envelope journalism“ nennt. Journalistinnen und Journalisten lassen sich für einen Bericht, zum Beispiel nach einer Pressekonferenz, bezahlen. Man kann also sicherlich nicht sagen, dass sich alle nur aufopfern. Aber ich habe sehr konkret nachgefragt und von sehr vielen aufdeckenden Geschichten gehört. Es ging mir nicht nur darum, etwas glaubhaft zu machen, sondern auch darum, mehr Details zu erfahren.
Natürlich wird niemand offen bekennen korrupt zu sein. Aber mein Eindruck war, dass das investigative Aufdecken für die meisten eine große Rolle spielte und dass die Berichte einigermaßen authentisch waren. Natürlich muss man berücksichtigen, dass bei der Beantwortung solcher Fragen eine gewisse soziale Erwünschtheit (die Tendenz von Befragten, sich bei ihren Antworten an sozialen Normen zu orientieren und der Erwartung der Interviewenden entsprechen zu wollen, Anm. d. Red.) eine Rolle spielt. Aber nach mehreren Forschungsaufenthalten ist es mein Eindruck, dass es sehr engagierte Journalistinnen und Journalisten in Nepal gibt.

FN: Wie ist das in Bhutan?

BI: In Bhutan ist das ähnlich. Die Leute sind auch dort ihrem Beruf sehr verhaftet. Bhutan hat ja diese Happiness – ich sage das bewusst so. (Das Land hat den so genannten „Gross National Happiness Index“ GNH als Maß für das Glück der Menschen im Land eingeführt, Anm. d. Red.). Die Journalistinnen und Journalisten aus Bhutan, mit denen ich gesprochen habe, zeigten einen geringeren Anspruch Missstände aufzudecken. Das gibt es auch, ist aber nicht der Fokus, weil investigativer Journalisms in Bhutan kritischer gesehen wird. Die dortige Sicht ist eher, „Was bringt es der Gesellschaft, wenn ich ständig nur über negative Dinge berichte?“. Aus meiner Sicht ist das ein ganz schmaler Grat zur Zensur. Die von mir Befragten berichten, dass es teilweise schwierig sei, investigativ zu berichten, weil oft Informationen von Ministern bestätigt werden müssten und diese zum Teil lange für Antworten brauchten. Man werde hin- und her verwiesen, sodass im Grunde die Geschichte aufgrund verstrichener Zeit irgendwann tot ist. Das beklagen viele der von mir befragten Journalistinnen und Journalisten. In Bhutan ist der Fokus: „Ich will als Journalistin, als Journalist etwas für die Verbesserung der Gesellschaft tun“. Im Grunde geht es in beiden Ländern um ähnliches, aber der Weg dahin ist ein anderer. In Nepal wird mehr auf das geschaut, was schlecht läuft, und das wird ans Tageslicht geholt. Daher sehe ich den Journalismus in Nepal etwas näher an unserer Art von Journalismus. Wir haben in Deutschland auch den Fokus, Missstände aufzudecken und zu beheben. In Bhutan steht immer der Benefit im Vordergrund, die Frage: „Wie kann ich etwas Gutes bringen?“ Im Zweifelsfall wird in Bhutan über ein Kapitalverbrechen eher nicht berichtet, wenn sich daraus keine moralische Erbauung ergibt.

FN: Haben die befragten Journalistinnen und Journalisten die Hintergründe dafür erklärt?

BI: Bhutan ist sehr klein, hat nur etwa 700.000 Einwohner. Jeder kennt jeden, die soziale Kontrolle ist sehr stark. Ich habe sehr oft vom „small society syndrome“ (Syndrom einer kleinen Gesellschaft, Anm. d. Red.) gehört. Das hat meiner Ansicht nach auch viel mit Selbstzensur zu tun. Wenn ich heute etwas Kritisches über einen Minister berichte, treffe ich ihn morgen vielleicht auf einer privaten Feier, und das wäre ja unangenehm. Das geht allerdings bis hin zu direkten Anrufen, über die mir berichtet wurde, in denen vermutlich nicht direkt verboten wird, etwas zu tun, aber nachdrücklich gefragt wird: „Bist Du dir wirklich sicher, willst Du das wirklich? Was würde ein kritischer Bericht der Gesellschaft bringen? Stürzt du die Menschen nicht nur in negative Gedanken?“ In Bhutan soll das Positive im Vordergrund stehen, und man versucht, die Dinge auch dahin zu lenken.

Eine sehr engagierte bhutanesische Journalistin berichtete von einer investigativen Geschichte über eine Ärztin. Danach erhielt die Journalistin Shitstorms in den sozialen Medien, hat ihre Accounts geschlossen und das Land verlassen. Nach ein paar Monaten in Nepal ging sie zurück in dem Bewusstsein, dass sie ja nichts Schlechtes getan hatte. Diese Geschichte ist schon außergewöhnlich – auch die kritische Offenheit, mit der die couragierte Journalistin mir darüber berichtete. Interessant finde ich ihre Art, mit dem Konzept des GNH und der damit verbundenen „Verpflichtung“ zu positiver Berichterstattung umzugehen. Sie sagte zu mir: „Wir sollen keinen ‚problem journalism‘ machen, sondern `solution journalism‘.“ Aber dafür müsse man das Problem erstmal benennen, um dann Lösungswege aufzuzeigen. Diesen Dreh finden die Journalistinnen und Journalisten in Bhutan, denen etwas an Verbesserungen liegt. Ich finde das eine ganz clevere Strategie und grundsätzlich überlegenswert – auch für den Journalismus in anderen Ländern, zum Beispiel in westlichen Demokratien.

Es gibt übrigens noch eine Besonderheit in Bhutan. Viele der von mir befragten Journalistinnen und Journalisten sagten, dass die Bhutanesen trotz ihres hohen Bildungsstandards keine große Zeitungslesetradition haben. Dazu passt meine Erfahrung, dass ich in einem Zeitungskiosk in der Hauptstadt neben den aktuellen Ausgaben auch solche von vor vier Wochen kaufen konnte. Ich interpretiere das so, dass der König bis Ende 1999 alles regelte und scheinbar gut im Sinne der Bevölkerung agiert hat. Die Bevölkerung von Bhutan hat vermutlich keinen so starken Bedarf nach Journalismus, wie das in anderen Ländern, auch in Nepal, der Fall ist. Dieses Bild hat sich für mich aus den Interviews in Bhutan ergeben.

FN: Haben Sie im Lauf der Zeit Veränderungen im Journalismus in Nepal und Bhutan festgestellt?

BI: In Bhutan sollen gerade in den letzten Jahren viele der seniorigen Journalistinnen und Journalisten das Land verlassen haben, meist für einen besseren Verdienst. Die, die im Land geblieben sind, bemängeln das. Mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig ist man heute in Bhutan schon „senior journalist“. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wie mir berichtet wurde.

Außerdem haben in den zwei Jahren zwischen meinen Befragungen einige Medienhäuser geschlossen. 2008 gab es in Bhutan einen Medienboom, und damit auch einen Boom auf dem Anzeigenmarkt. Das Problem in Bhutan ist aber: Es gibt wenig Werbung. In 2006 öffnete sich die Medienlandschaft für private Medien. Weil der Anzeigenmarkt aber nicht wächst, mussten einige Medien beziehungsweise Redaktionen wieder schließen. Der Hauptanzeigenmarkt in Bhutan besteht aus Stellenanzeigen der Regierung. Dieser Kuchen wurde natürlich nicht größer, sondern nur auf mehr Medien verteilt. Von daher haben heute fast alle Medienhäuser Finanzierungsprobleme. Es ist dasselbe Problem, das die Medien hier berichten. Ein Medienfond, den der bhutanesische König eingerichtet hat, scheint das Problem nicht hinreichend zu beheben. Ich hörte außerdem in meinen Interviews, dass dieser Fond wohl fast aufgebraucht ist.

In Nepal ist das anders, da gibt es mehr Werbung. Die dortigen Journalistinnen und Journalisten berichteten mir aber, dass die Macht der Werbetreibenden genutzt würde, um zu manipulieren. Ein sehr renommierter Journalist, der sich seinen eigenen Aussagen zufolge mittlerweile eher als Aktivisten bezeichnet und wirtschaftlich sehr gut dasteht, war da sehr offen. Er sagte mir, er würde sich wünschen, dass Werbung dazu verwendet würde, wofür sie da ist, nämlich um Werbung zu machen und nicht um (politischen) Druck auszuüben. Wenn ein Blatt kritisch berichten würde und dies einen wichtigen Anzeigenkunden beträfe, könnte dieser drohen, seine Anzeigen zurückzuziehen. Das entzöge der Zeitung die Finanzierungsgrundlage – und könnte zu (Selbst-)Zensur führen.

FN: Sie haben in Ihren Interviews auch Fragen zur Demokratieentwicklung in Nepal und Bhutan gestellt: Was lesen Sie aus den Antworten heraus?

BI: Grundsätzlich glaube ich meinen Probandinnen und Probanden, sehe die Antworten aber mit einer gewissen Vorsicht, weil bezüglich der Demokratisierung die soziale Erwünschtheit eine Rolle spielt. Die Journalistinnen und Journalisten mit denen ich in beiden Ländern gesprochen habe, sagten, dass sie sich dem Demokratieprozess stark verbunden fühlen. Keiner sagte „wir sollten wieder zurückkehren zur alten Form“. In Nepal sprach ich mit einem jungen Journalisten, der eine Zeit lang nicht mehr zuhause wohnte, weil er es für zu riskant hielt. Er hatte die erwähnten Nierentransplantationen aufgedeckt. Sich solchen Gefahren auszusetzen, würde ich nirgendwo von einem Journalisten erwarten. Daher glaube ich gerade denen, die sich sogar in Gefahr begeben, dass sie sich der Demokratie – oder zumindest der „normalen“ Bevölkerung – verpflichtet fühlen.

Außerdem habe ich in den Interviews auch Gleichberechtigung und Gender thematisiert. Die Antworten der Frauen und Männer in Nepal zu vergleichen war sehr spannend. Männer sehen die Gleichberechtigung viel weiter vorangeschritten als die Frauen. Frauen schildern mehr persönliche Erfahrungen, die eine eindeutige Benachteiligung zeigen. Da hörte ich öfter, dass Frauen in Redaktionen die weniger interessanten oder aufwändigen Geschichten zugeteilt bekommen. Teilweise, weil vielleicht die Recherche der spannenden Geschichten vermeintlich nicht mit der Haushaltsführung oder der Kindererziehung vereinbar wäre oder weil man die Frau bei einer schwierigeren Recherche nicht in Gefahr bringen möchte. Häufig wurde auch angeführt, dass man eine Frau nicht „allein“ mit einem Team männlicher Kollegen für mehrere Tage (und Nächte!) übers Land schicken will. Nepal ist auf eine Art eine moderne Gesellschaft, teilweise aber auch sehr traditionell, und das spiegelt sich in eher klassischen Geschlechterrollenbildern wider.

In Bhutan hat der König noch eine starke Macht und er hat die Demokratie vorangetrieben. Aber trotz der sozialen Erwünschtheit, die ich annehme, hatte ich den Eindruck, dass die Befragten aus Bhutan der Demokratie stark verbunden sind. Wobei die Bhutanesinnen und Bhutanesen selbstkritisch sagen, man sei noch nicht soweit mit der Demokratie. Aber man müsse einen eigenen Weg finden. „We have to find our own way“, das habe ich häufig in Bhutan gehört. Die buthanesischen Journalistinnen und Journalisten berichten, dass sie wie die Staatsbediensteten die Vorschrift haben, sich traditionell zu kleiden. Man erwarte von ihnen, dass sie sich der Kultur verbunden fühlen. Und wenn man eine Straftat aufdeckt, sollte man zumindest am Ende aufklären, wohin sich Opfer wenden können und was die Gesellschaft tun kann, damit sich die Tat nicht wiederholt.

Interessanterweise stelle ich auch in Deutschland eine neue Tendenz fest, positive Aspekte hervorzuheben. Die Tagesthemen beispielsweise haben schon länger einen „Lösungsfinder“ oder – besonders jetzt seit Corona – die „Helden des Alltags“. Das ist für mich die Tendenz, nicht mehr nur Missstände aufzudecken, weil das allein vielleicht zu mehr Politikverdrossenheit und einer Abkehr von den Medien führen kann. Vielmehr will man auch die positiven Geschichten aufzeigen, die es schließlich genauso gibt. Man könnte vielleicht auch sagen, dass sich die guten alten Nachrichtenwertfaktoren nach Johan Galtung „je dramatischer, je mehr Tote, je außergewöhnlicher, umso mehr wird davon berichtet“, nicht mehr ganz ausschließlich anwenden lassen (Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge haben 1965 die Faktoren erforscht, nach denen Journalist_innen den Nachrichtenwert eines Themas bewerten, 1976 und 1990 gab es Folgeuntersuchungen von Winfried Schulz, Anm. d. Red.). Ein Busunglück mit drei Toten erfahren wir hier vielleicht über die Nachrichten. Wenn das gleiche in Nepal passiert, erfahren wir es mit Sicherheit nicht. Da verändern sich möglicherweise die Nachrichtenwertfaktoren weg vom Katastrophenjournalismus in Richtung positiver Aspekte, ohne gleich honigsüß zu werden. Das fand ich spannend, weil ich glaube, das auch in Deutschland entdeckt zu haben. Das wäre eine Brücke, die sich zwischen den beiden Blicken auf den Journalismus schlagen lässt. Das finde ich auch deshalb spannend, weil es mir wichtig ist, nicht mit der allwissenden Westperspektive zu forschen, sondern wirklich offen und neugierig zu sein. Im Grunde können beide Seiten voneinander lernen, finde ich zumindest.

FN: Planen Sie eine anschließende Forschung?

BI: Ich möchte meine Forschung gern fortführen und auf andere Länder ausbauen. Als ich in meinem Forschungssemester in Nepal und Bhutan war, hatte ich eigentlich auch vor, Journalistinnen und Journalisten in Myanmar zu befragen. Dann begann aber die Situation mit der Minderheit der Rohingya, die Krise kochte hoch. Ich hatte keine große Angst um meine eigene Sicherheit, hätte es aber in einer solchen Zeit, in der das Land mit sich selbst ringt, als unmoralisch empfunden, einzureisen und die Leute um ein Interview zu bitten. Daher habe ich davon erstmal abgesehen. Durch meine Arbeit am Buch „Journalism and Journalism Education in Developing Countries“ (Journalismus und Journalismusausbildung in Transformationsländern“, Anm. d. Red.), das ich 2019 gemeinsam mit Beatrice Dernbach herausgegeben habe, bekam ich neue Kontakte in Myanmar. Daraus ist der Plan entstanden, im nächsten Frühjahr solche Interviews zu führen, wie ich sie in Nepal und Bhutan gemacht habe. Ob ich das so umsetzen kann und will, weiß ich noch nicht – Corona hat vieles verändert. Aber unglaublich spannend fände ich es allemal.

Liebe Frau Illg, vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Beate Illg ist Professorin für Kommunikationswissenschaften mit den Schwerpunkten Psychologie und Werbung an der Jade Hochschule, Campus Wilhelmshaven. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf ihrem Herzensthema Journalismus in Transformationsländern. 2013 begann sie mit dem Aufbau einer Hochschulkooperation zwischen der Kathmandu University in Nepal mit der Jade Hochschule, die sie seither pflegt. Für die Heinrich-Böll-Stiftung, von der sie ein Promotionsstipendium erhielt, ist sie heute als Vertrauensdozentin tätig.

Frau Illg hat die Fotos für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt.

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