Das Großsteingrab Kleinenkneten II in einer Luftbildaufnahme
Foto: IAPG/Jade Hochschule

Verloren geglaubt – digital rekonstruiert: Wissen über das Großsteingrab Kleinenkneten II

TLDR:

Die Aufzeichnungen über die Ausgrabung des historisch bedeutsamen Großsteingrabes „Kleinenkneten II“ im Landkreis Oldenburg gingen im zweiten Weltkrieg verloren. Aber es existieren Fotos von der Ausgrabung. Lässt sich das verloren geglaubte Wissen über die Ausgrabung mithilfe digitaler Methoden rekonstruieren? Welche archäologischen Forschungsfragen schließen sich an? Wie verändern sich Museen durch die Digitalisierung? Wir haben mit Paul Kalinowski von der Jade Hochschule und Dr. Frank Both und Frieda Russell vom Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg gesprochen.

Lesedauer: 7 min Kategorie: Digitalisierung Datum: 25. Januar 2022

In Kleinenkneten bei Wildeshausen im Landkreis Oldenburg befindet sich ein forschungsgeschichtlich sehr bedeutender Bestattungsplatz: Das Großsteingrab „Kleinenkneten II“ stammt aus der jungsteinzeitlichen Trichterbecherkultur (3600 bis 2800 vor Christus). Es besteht aus einer erhaltenen aus Steinen bestehenden Einfassung mit insgesamt drei Grabkammern, in denen zur damaligen Zeit nach und nach die Verstorbenen beigesetzt wurden. Zwischen 1934 und 1939 wurde die Anlage ausgegraben.
Das Großsteingrab ist heute vor Ort im Landkreis zu besichtigen, eine Rekonstruktion einer Grabkammer befindet sich im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg. Darüber hinaus ist das Grab auch Bestandteil der Europäischen Route der Megalithkultur.

Das Großsteingrab Kleinenkneten II lässt sich heute exakt vermessen und mit dem Zustand der Anlage zum Zeitpunkt der Ausgrabungen in den 1930er-Jahren vergleichen: Die Geodäsie ist in der Lage, anhand von Vergleichen zwischen 3D-Modellen – die sich auf der Grundlage von Fotografien erstellen lassen – Aussagen über den Zustand des Grabs zu verschiedenen Zeitpunkten zu treffen. Dieser Gedanke war ausschlaggebend für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg mit dem Institut für Angewandte Photogrammetrie (IAPG) der Jade Hochschule. Es wurde das Forschungsprojekt Modelldigitalisierung 3D von Natur- und Kulturgut Oldenburg (MoDi) ins Leben gerufen, in dessen Rahmen Informationen über das Grab rekonstruiert werden sollten.

Eine enge Zusammenarbeit in der Forschung zum Großsteingrab besteht dabei zwischen Paul Kalinowski, Geodät und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Jade Hochschule, und Dr. Frank Both, Archäologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Landesmuseum. Boths Kollegin Frieda Russell promoviert im Rahmen des Projekts MoDi und beschäftigt sich unter anderem mit der Rezeption von Kulturgut. Wir haben mit den dreien gesprochen und erfahren, welche Erkenntnisse im Forschungsprojekt bisher gewonnen wurden und welche Bedeutung die Digitalisierung insgesamt für Museen hat.

Wie genau sah die Grabanlage Kleinenkneten II zum Zeitpunkt ihrer Ausgrabung aus?

Wie funktionierte die Digitalisierung der historischen Daten von Kleinenkneten II und was war das Ergebnis? – Fragen an Paul Kalinowski

Was bedeutet Digitalisierung für das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg, und welche neuen Forschungsfragen stellen sich? – Fragen an Dr. Frank Both

Wie wird sich die Museumsrezeption durch Digitalisierung verändern? – Fragen an Frieda Russell

Frieda Russel (re.) und Dr. Frank Both (li.) vom Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg mit Paul Kalinowski von der Jade Hochschule vor einem Seiteneingang des Museums.
Foto: Hendrik Reinert

Wie genau sah die Grabanlage Kleinenkneten II zum Zeitpunkt ihrer Ausgrabung aus?

Durch einen Bombentreffer während des zweiten Weltkriegs (1944) im Gebäude der damaligen Landesbibliothek, in das Dokumente des Museums ausgelagert waren, wurden zahlreiche Unterlagen zerstört. Darunter befanden sich viele schriftliche Aufzeichnungen über die archäologische Ausgrabung des Großsteingrabes Kleinenkneten II. Mit dem folgenden Brand ging wertvolles historisches Wissen verloren. Erhalten geblieben sind außer den fotographischen Dokumenten auch noch Grundrisszeichnungen der Anlage, die zum Teil schon vor dem Krieg in kleinen Berichten veröffentlicht worden waren.

Bei den Fotos handelt es sich um Glasplatten, die als Negative dienten, sowie um Fotonegative. Sie allein erlauben jedoch keine wissenschaftlichen Aussagen über den damaligen Zustand der Ausgrabung. So stellten Dr. Ursula Warnke und Dr. Frank Both vom Landesmuseum Natur und Mensch die Frage, ob sich mittels moderner Technologie die Ausgrabung aus den 30-er Jahren rekonstruieren ließe, um durch einen Vergleich mit dem heutigen Grab Informationen über mögliche Veränderungen zu gewinnen und heutige Forschungsfragen zu beantworten.

Wie funktionierte die Digitalisierung der historischen Daten von Kleinenkneten II und was war das Ergebnis? – Fragen an Paul Kalinowski

Herr Kalinowski, wie läuft die Zusammenarbeit zwischen dem Museum und der Jade Hochschule ab?

Es besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen Herrn Dr. Both vom Landesmuseum und uns von der Jade Hochschule. Das ist deshalb besonders spannend, weil unsere Disziplinen – die Archäologie und die Geodäsie – sich sonst kaum überschneiden. Die Archäologie erforscht Kulturgeschichte, interessiert sich für Funde und ihre Interpretation. Wir Geodäten sind diejenigen, die mit genauesten Messmethoden arbeiten, um Daten zu erzeugen, sei es in der Industrie, bei Bauvorhaben oder in der Landesvermessung. In diesem Projekt übertragen wir unsere Methoden auf Kulturgut. Dabei gehen wir sehr intensiv in den interdisziplinären Dialog, um auf eine gemeinsame wissenschaftliche Arbeitsebene zu kommen. Wichtig ist zu definieren, was das Museum an Daten oder Informationen benötigt und was wir überhaupt liefern können. Vieles ergibt sich dabei auch während der Forschungsarbeit.

Zunächst haben wir das Großsteingrab Kleinenkneten II als Objekt für unser Digitalisierungsprojekt ausgewählt. Grund war die forschungsgeschichtliche Bedeutung des Grabes und die fehlenden Dokumente zur historischen Ausgrabung. Dann haben wir technische Methoden diskutiert, mit denen die musealen Forschungsfragen beantwortet werden könnten. Neben dem Grab digitalisieren wir auch kleinere Objekte, wie beispielsweise Knochenfunde, die mit Runen versehen sind. Die Planungen für die Vermessungen verschiedener Objekte machen wir im Labor für optische Messtechnik an der Jade Hochschule. Anschließend übertragen wir die entwickelte Methode ins Museum. Während des gesamten Prozesses tauschen wir uns eng aus und stimmen alle Schritte und Entscheidungen ab.

Über Paul Kalinowski:

Paul Kalinowski studierte Geodäsie und Geoinformatik und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am IAPG.  Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist der Einsatz optischer 3D-Messtechnik zur Digitalisierung von Kulturgütern.

: Dr. Frank Both (links) und Paul Kalinowski im Landesmuseum für Natur und Mensch
Paul Kalinowski mit Dr. Frank Both im Landesmuseum für Natur und Mensch. Foto: Hendrik Reinert

Wie sieht Ihr Forschungsansatz aus, mit dem Sie das Großsteingrab Kleinenkneten II untersuchen?

Kurz gesagt haben wir versucht, historische Bilddaten mithilfe moderner photogrammetrischer Methoden auszuwerten, um sie mit der heutigen Situation vor Ort zu vergleichen. Im Rahmen der archäologischen Fragen zur Ausgrabung von Kleinenkneten II ermitteln wir zum Beispiel, ob und wie sich die Lage und Position der Grabsteine zueinander seit der Ausgrabung verändert hat.

Ein geometrischer Vergleich von beliebigen Objekten ist für Vermessungsingenieure eine klassische Methode. So kann zum Beispiel der Soll- und Ist-Zustand beim Bau eines Hauses überprüft werden. Auch die heutige Situation des Großsteingrabs lässt sich mit modernen Messverfahren gut erfassen. Dazu haben wir Laserscanner und photogrammetrische Erfassungsmethoden kombiniert. Also Fotoaufnahmen vom Boden und aus der Luft mittels Drohne aufgenommen. Aus den Daten lässt sich dann ein 3D-Modell der aktuellen Situation in Kleinenkneten erstellen. Für den Vergleich brauchen wir aber auch eine 3D-Rekonstruktion der historischen Situation. Dazu mussten wir erstmal die historischen Daten sichten und aufbereiten. Wir haben rund 80 Jahre alte Glasplatten, Fotonegative und Luftbilder von damals digitalisiert. Insgesamt liegen mehr als 500 historische Bilder vor. Aus den digitalisierten Bilddaten konnten wir für Teile der Grabanlage ein 3D-Modell der historischen Ausgrabung ableiten.

Die Glasplatte aus dem Bestand des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg trägt ein Fotonegativ, das einen Ausschnitt des Großsteingrabes Kleinenkneten II abbildet. Die Digitalisierung des Fotonegativs ermöglichte die 3D-Rekonstruktion des Grabes zum Zeitpunkt der Ausgrabung in den 1930er Jahren.
Foto: Piet Meyer, IAPG/Jade Hochschule

Das klingt erst einmal relativ einfach – war es das auch?

Nein, gar nicht. Eine automatisierte Auswertung der Bilddaten, wie sie üblich ist, war nicht ohne weiteres möglich. Wir hatten es mit mehreren Problemen zu tun: Erstens waren die Perspektiven der alten Aufnahmen willkürlich – man hatte sie ja nicht mit dem Ziel der photogrammetrischen Auswertung ausgewählt. Zweitens haben die historischen Aufnahmen unterschiedliche Maßstäbe und Bildformate, und drittens ist die damals verwendete Kamera nicht bekannt. Deshalb fehlten uns wichtige Kalibrierungsdaten, die eigentlich notwendig sind, um hochgenaue 3D-Modelle zu erstellen. Viertens sind die Aufnahmen teilweise ausgeblichen oder einige Glasplatten durch die lange Lagerung leicht beschädigt, was zu Fehlern führen kann. Dennoch konnten wir die Grabkammer II 3D-rekonstruieren.

Was zeigte der Datenvergleich über die historische Ausgrabung?

Das anhand der 80 Jahre alten Bilder rekonstruierte Modell der historischen Ausgrabung von Grabkammer II haben wir mit einem 3D-Modell der „Kleinenknetener Steine“ verglichen, das im November 2020 angefertigt wurde, und welches die heutige Situation des Grabs repräsentiert. Das Ergebnis dieses Vergleichs war: Bis auf zwei Steine weicht das Modell der historischen Ausgrabung um etwa einen Zentimeter von dem modernen Modell ab. Zwei Steine weichen bis zu 25 Zentimeter gegenüber der heutigen Situation ab. Bis auf diese beiden Abweichungen entspricht der heutige Zustand des Grabes also ziemlich genau dem, was damals ausgegraben wurde.

Was bedeutet das Forschungsergebnis?

Die Abweichungen zwischen dem historischen und dem modernen Modell des Kleinenknetener Grabs von etwa einem Zentimeter können sowohl durch Veränderungen am Grab im Lauf der Jahrzehnte als auch durch die Qualität der historischen Bilder entstanden sein. Durch die größeren Abweichungen von etwa 25 Zentimetern sehen wir, wo sich mit Sicherheit die Situation der Ausgrabung aus den 30er Jahren vom heutigen Zustand des Grabes unterscheidet. Dass die 3D-Rekonstruktion aus historischen Bildern an sich gelungen ist, ist ein Erfolg. Dass wir bei zwei Steinen diese großen Unterschiede sehen – die bei unserer sehr fortgeschrittenen Technologie nicht auf Messungenauigkeiten zurückgehen können –, ist für uns die eigentliche Sensation! Es zeigt, dass unsere modernen Methoden taugen, um Erkenntnisse aus sehr altem Bildmaterial zu gewinnen. Immerhin sind die Bilder nahezu 80 Jahre alt. Wenn man bedenkt, wie viele Bilder weltweit in Museen archiviert sind, ahnt man, welche bedeutsamen Erkenntnisse wir mithilfe moderner Technologien über historische Vorkommnisse gewinnen können, die bislang vielleicht vollkommen unbekannt sind, und die uns als Menschheit interessieren.

Was bedeutet Digitalisierung für das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg, und welche neuen Forschungsfragen stellen sich? – Fragen an Dr. Frank Both

Herr Dr. Both, wo steht das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg im Digitalisierungsprozess?

Projekte wie MoDi sind Teil eines größeren Digitalisierungsprozesses, der seit Beginn des digitalen Wandels auch für uns als Museen immer wichtiger wird. Alle Museen haben das große Ziel, mithilfe von Digitalisierung alle Archivarien für die Nachwelt zu bewahren. Da wir von einem unermesslichen Bestand an Objekten allein in unserem Museum sprechen, ist die Herausforderung riesig. Deshalb werden die aufwändig erforschten Digitalisierungsmethoden auch der gesamten Museumswelt zur Verfügung gestellt.

Neben den speziellen Digitalisierungsmethoden wie beim Kleinenknetener Grab werden wir künftig standardisierte Verfahren brauchen, um unsere Bestände zu digitalisieren. Solche Verfahren sind für Museumsobjekte bereits erforscht. „Das Fraunhofer Institut zum Beispiel hat ein 3D-Labor mit einer eigenen Digitalisierungs-Straße entwickelt, durch die ein Museumsobjekt auf einem Band durchfährt. Dabei wird es von allen Seiten fotografiert und gescannt. Fast in Echtzeit entsteht so ein 3D-Modell. So eine Digitalisierungsstraße liegt allerdings für uns wie für die meisten deutschen Museen noch in weiter Ferne.

Was bedeutet das Ergebnis der Datenfusion der 3D-Modelle von Kleinenkneten II aus der Museumssicht? Schließen sich neue Forschungsfragen an?

Es ist großartig, dass wir die Methode der Datenfusion erfolgreich für die Rekonstruktion des Grabes erschließen konnten. Jetzt können wir neue Forschungsfragen formulieren und ihnen nachgehen. Beim Kleinenknetener Grab wurden zum Beispiel Keramikgefäße gefunden, die wir ebenfalls neu untersuchen wollen. Die Funde werden zunächst einmal datiert. Wenn das geschehen ist, wollen wir im Rahmen einer anderen Forschungsarbeit Fragen zum Beispiel zur Bestattung vor Ort untersuchen und dabei wieder digitale Methoden anwenden: Wie sahen die Bestattungsfeierlichkeiten aus, die hier stattgefunden haben? War die Grabkammer in Quartiere als Ruhestätten für Personen oder Familien unterteilt – wie wir das etwa von vergleichbaren Gräbern in Schleswig-Holstein kennen?

Die Grabkammern hatten außerdem jeweils einen verschlossenen Zugang, durch den man in die Kammer gelangen konnte, etwa um eine neue Bestattung vorzunehmen.
Bei einer Kammer fehlte bei den Rekonstruktionszeichnungen stets die Eingangssituation, obwohl sie auf den Ausgrabungsfotos und auch heute im Gelände noch erkennbar ist. Vermutlich wurde der Eingang von den bisherigen Forschenden verheimlicht, weil es nicht in den Kenntnisstand der damaligen Zeit passte. Die Eingänge befanden sich üblicherweise auf der anderen Seite, bei dieser Kammer ist ein Eingang aber entgegengesetzt platziert. Anhand der Arbeiten der Jade Hochschule konnten wir ganz klar zeigen, dass es an unerwarteter Stelle einen Eingang gibt. Solche Informationen bringen uns auf einen ganz neuen Kenntnisstand innerhalb der Archäologie!

Dass man historische Erkenntnisse durch Digitalisierung gewinnt, legt nahe, die Museumsinhalte auch digital zur Verfügung zu stellen. Wie wird die Zukunft von Museumsausstellungen aussehen?

Durch die Digitalisierung wird historisches Wissen mit allen geteilt und ist nicht mehr ein Privileg weniger Forschender. Aber wenn wir von Digitalisierung sprechen, müssen wir verschiedene Ebenen unterscheiden. Die konzeptionelle Ebene ist für unsere Zukunft als Museum von besonderer Bedeutung: Unsere Ausstellungen sind aktuell rein analog. Wie wollen wir analoge und digitale Mittel für die Vermittlung der Museumsinhalte einsetzen? Da werden und müssen wir uns in Zukunft noch positionieren. Dazu gehört dann auch die Frage, wie wir die neuen Erkenntnisse präsentieren wollen, die wir durch die digitale Bearbeitung von Forschungsfragen gewinnen.

Langfristig wird es für uns weniger darauf ankommen, wo und über welche Mittel die Interessierten auf die Informationen zugreifen. Viel mehr werden wir uns fragen: Worin besteht deren Interesse und Hintergrund? Was genau interessiert sie?

Über Dr. Frank Both:
Dr. Both ist Archäologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter sowie Ombudsperson für die Wissenschaft am Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg. Er wählt unter anderem für das Projekt MoDi historisch bedeutsame Objekte aus und formuliert Forschungsfragen, die sich mithilfe digitaler Methoden beantworten lassen.

Wie wird sich die Museumsrezeption durch Digitalisierung verändern? – Fragen an Frieda Russell

Was bedeutet die Digitalisierung von Ausstellungen für die Besucher?

Unser Verständnis des Museums als Institution wird sich durch die Digitalisierung vollständig verändern. Es wird nicht mehr der große steinerne Bau sein, in den man hineingeht, um sich Kulturgüter oder Objekte anzuschauen. Das Museum wird ein gesellschaftliches Konzept und eine Aufgabe, die digital und analog umgesetzt wird.

Der Diskurs bezüglich der Digitalisierung von Museumsobjekten bewegt sich zwischen zwei Polen. Der Vorteil digitalisierter Ausstellungen ist, dass man ein Objekt mehrdimensional zeigen kann. Durch den Zoom sieht man Details, die an einem Objekt hinter Glas nicht mehr erkennbar wären. Digital lassen sich zeitliche Entwicklungen darstellen, verschiedene Erzählstränge einbinden und beliebig viele Informationen an die Interessen der Besucher_innen angepasst präsentieren. Das wäre auch mit einem digitalen Modell der Ausgrabung in Kleinenkneten vorstellbar.

Die Hoffnung oder die optimistische Sicht auf digitalisierte Ausstellungen ist, dass durch sie die Wertschätzung für das Objekt steigt, dass eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Objekt stattfindet, die zu einem nachhaltigeren Lerneffekt führt. Pessimistisch betrachtet könnte das Digitale im Sinne der Gamification eher als eine unterhaltende Anwendung gesehen werden. Der Lerneffekt und die intellektuelle Auseinandersetzung könnten dann verloren gehen.

Was ist entscheidend für die Frage, wie ein Objekt präsentiert wird?

Die physische Ausstellung hat einen starken sozialen Aspekt, er stillt das menschliche Bedürfnis nach Nähe. Die Kunst ist also, eine Balance von analogen und digitalen Möglichkeiten herzustellen, so dass beide zu einem Erlebnis verschmelzen. Das Erlebnis sollte entscheidend dafür sein, welche Mittel der Digitalisierung tragfähig sind. Auch wenn bei der Digitalisierung erst einmal alle die spektakulärsten Effekte einsetzen wollen… Die gewählten Mittel werden sich ganz natürlich einpendeln. Jedes Museum wird die digitalen Medien auswählen, die für seine Zielgruppen am besten funktionieren.

Frieda Russell arbeitet seit Oktober 2019 als Doktorandin im Projekt MoDi.
Foto: Hendrik Reinert

Über Frieda Russell:
Frieda Russell arbeitet seit Oktober 2019 als Doktorandin im Projekt MoDi. Zuvor war sie als wissenschaftliche Volontärin am Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg im Bereich ‚Heritage Management‘ tätig. 2015 bis 2017 absolvierte sie ein Masterstudium in ‚Heritage and Memory Studies‘ an der Universität von Amsterdam. Der Fokus ihrer akademischen Arbeit liegt auf der Stellung der Museumsinstitution in der Gesellschaft und den Auswirkungen von nationalen Identitäten auf die Kultur- und Erinnerungspolitik.

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