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Journalismus in der Krise? – ein Interview mit Prof. Dr. Andrea Czepek

TLDR:

Prof. Dr. Andrea Czepek von der Jade Hochschule spricht im Interview über die Umbrüche im Journalismus, Medienvielfalt und Pressefreiheit.

Lesedauer: 6 min Kategorien: Interview, Journalismus Datum: 6. Mai 2020

Foto: Andreas Rothaus/Jade Hochschule

Professor Dr. Andrea Czepek lehrt Journalistik an der Jade Hochschule und spricht im Interview mit uns über die Herausforderungen des Journalismus, über Meinungsvielfalt und Pressefreiheit und darüber, warum hochwertiger Journalismus ganz besonders in Zeiten wie der Corona-Krise wichtig für die Demokratie ist. Außerdem erklärt sie, warum sie sich eine Kulturflatrate wünscht.

ForschungsNotizen: Wir erleben seit vielen Jahren einen Umbruch in der Medienlandschaft. Was sind aus Ihrer Perspektive die gravierendsten Veränderungen?

Prof. Dr. Andrea Czepek: Mehrere Entwicklungen verändern den Journalismus stark. Zum einen die Digitalisierung. Die gesamte Produktion und Verbreitung von Medieninhalten ist heute digital. Dazu kommen das Internet und die sozialen Medien. Wir haben ganz neue Medienformen, die neue Formen der Interaktion mit Nutzerinnen und Nutzern ermöglichen. Nutzerinnen und Nutzer sind selbst im Journalismus aktiv, bloggen oder machen Videos. Das verändert den Journalismus technisch, organisatorisch und inhaltlich.

Zum anderen ist es wesentlich schwieriger geworden, hochwertigen Journalismus zu finanzieren. Den klassischen Nachrichtenmedien brechen seit Jahrzehnten die Anzeigeneinnahmen weg, von denen sie immer noch zum Großteil leben müssen. Die Anzeigen sind in andere Gebiete im Internet abgewandert. Geld mit Werbung machen hier vor allem Facebook und Google. Die finanzieren aber keinen Journalismus. Und es gibt zu wenig, was die fehlenden Einnahmen der Verlage und Fernsehsender ersetzen würde. Zusätzlich gehen bei allen Tageszeitungen die Auflagen und die Einnahmen durch Abonnements zurück, weil die jungen Generationen kaum mehr Zeitung lesen. Natürlich werden viele journalistische Inhalte konsumiert, aber es wird nicht ausreichend dafür bezahlt.

Welche Folgen hat das für den Journalismus?

Heute arbeiten viel weniger Leute in den Redaktionen. Die Belegschaften sind mitunter auf Bruchteile geschrumpft. Als vor sieben Jahren die Frankfurter Rundschau an die FAZ-Stiftung verkauft wurde, blieben von 450 Mitarbeitern gerade mal 28 übrig. So eine Redaktion kommt viel früher an ihren Kapazitätsgrenzen. Auch wenn sie mit freien Journalisten arbeitet, sind die Mittel ja knapper als vorher.

Und es ist nicht nur das. Viele kleine Verlage konnten nicht unabhängig bleiben. Wir haben in Deutschland heute eine starke Medienkonzentration – obwohl wir verglichen mit anderen Ländern noch eine relativ große Vielfalt haben. Es gibt lokale Monopole, die teilweise ziemlich große Regionen umfassen, in denen nur noch ein Medium erscheint. Dadurch nimmt unter Umständen die Vielfalt der Meinungen innerhalb der Medien und die investigative Recherche ab, besonders im Lokalen.

Wie kommt das?

Wenn es eine konkurrierende Zeitung gibt, haben Journalisten automatisch den Anreiz, jede Geschichte als erste zu bringen, besonders gut zu recherchieren und mehr aufzudecken als die anderen. Dann können Sie zu Hochform auflaufen. Ohne Konkurrenz besteht für Journalisten die Gefahr, dass sie weniger kritisch werden, weniger nachfragen. Erst recht, wenn sie auch noch wenig Zeit und Mittel für Recherche haben. Außerdem kann ohne Konkurrenz die Nähe von Journalisten zu Politikern zu groß werden. Diese Entwicklungen haben wir untersucht, und sie werden seit 20 Jahren kontinuierlich stärker.

Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Aus Sicht der Demokratie sind die Bedingungen für Journalismus schlechter geworden. Ein Journalist, eine Journalistin kann nur dann verantwortungsvoll arbeiten, wenn er oder sie Handlungsspielraum hat. Zum Handlungsspielraum gehören sowohl ausreichend Zeit und finanzielle Mittel für gründliche Recherche als auch demokratische Freiräume. Ohne diese haben sie weniger Möglichkeiten als man von außen meinen könnte.

Journalisten wird häufig individuell viel Macht zugesprochen, da sie öffentlich auftreten und sich daraufhin Menschen ihre Meinungen bilden. Es ist aber eine Macht, die Journalisten als Einzelpersonen meistens gar nicht haben. Sie sind eingebunden in eine Redaktion, die Redaktion hat Sachzwänge und ist Teil einer größeren Organisation. Diese wiederum unterliegt den politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. In Deutschland ist das noch nicht so dramatisch. Aber an Beispielen wie Russland oder Bulgarien und Rumänien sieht man, wie im Extremfall der Verlust von Meinungsvielfalt zustande kommt. Dort wird Journalismus durch regierungsnahe Funktionäre beziehungsweise Oligarchen beherrscht. Solange die Journalisten dort als solche arbeiten wollen, finden sie keine anderen Arbeitgeber und haben in ihrem Beruf kaum Spielraum oder Freiheit.

Welche Lösungen sehen Sie in Bezug auf die Krise der Medienhäuser bei uns in Deutschland?

Wie das alles ausgeht, weiß man noch nicht. Im Moment geht es sehr stark darum zu schauen, wie man hochwertigen kritischen Journalismus in Zukunft finanzieren kann.

Die Entwicklung bei uns zeigt aber, dass im freien Markt eine Medienkonzentration entsteht, die zu einer Abnahme journalistischer Vielfalt führt. Bürgerinnen und Bürger sind nicht bereit, online für jeden einzelnen journalistischen Artikel Geld zu bezahlen. Wenn wir als Öffentlichkeit unabhängigen Journalismus haben möchten, müssen deshalb die Rahmenbedingungen auf andere Weise geschaffen werden – natürlich ohne dass staatliche Instanzen sich inhaltlich einmischen. Aber es geht darum zu verhindern, dass Journalismus und damit Meinungspluralismus verschwindet.

Welche Ansätze sehen Sie, gute Bedingungen für Journalismus und Meinungsvielfalt herzustellen, ohne dass sich der Staat inhaltlich einmischt?

In Hinblick auf Pressefreiheit sind interessanterweise Länder wie Finnland oder Norwegen besonders renommiert. Sie haben durch ihre Presseförderung eine staatliche Einmischung in ihre Medien, die sich nur auf die Strukturen bezieht. Sie unterstützen zum Beispiel solche Medien, die in Minderheitensprachen wie Schwedisch veröffentlichen. In Finnland können kleine Zeitungsunternehmen bis zu einer bestimmten Größe der Verbreitung ihrer Medien eine direkte Förderung bekommen. Abonnements, Werbung und Herstellung sind von der Mehrwertsteuer befreit, was eine indirekte Subvention ist. In Norwegen sind generell die digitalen Medien von der Mehrwertsteuer befreit. Diese Staaten schaffen also Rahmenbedingungen mit dem expliziten Ziel, ein freies vielfältiges Mediensystem zu ermöglichen, mischen sich aber nicht in die Inhalte der Medien ein.

In Deutschland sehen wir Journalistinnen und Journalisten, die mit Neugründungen und alternativen Angeboten versuchen, das Dilemma zu verlassen, in dem sich die Medienhäuser befinden. Wie sehen Sie diese Ideen?

Ja, da gibt es einige sehr spannende Ansätze. Zum Beispiel versuchen die Krautreporter, über Crowdfunding Recherchen zu finanzieren. Etwas Ähnliches versuchen Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz mit ihrer medienkritischen Seite. Das Angebot hat eine unterstützende Community, die die monatliche Finanzierung sichert. Das sind ganz interessante Ideen. Aber es sind keine Lösungen für den Journalismus in großem Maßstab, die Ansätze haben alle eher einen kleinen Rahmen.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte liegt auf Pressefreiheit. Was haben Sie beforscht und welche Erkenntnisse hatten Sie?

Ich habe mich stark mit der Entwicklung der Medienkonzentration beschäftigt und mit der Frage, wie man Pressefreiheit messen kann. Woher weiß man, ob ein Mediensystem frei ist oder nicht? Es gibt das sehr bekannte Ranking der Reporter ohne Grenzen, die Länder nach dem Grad ihrer Pressefreiheit in eine Reihenfolge bringen. Dieses Ranking beruht allerdings auf unsystematischen Expertenbefragungen und kann daher zwar ein Indikator sein, ist aber kein Instrument mit wissenschaftlichem Anspruch. Das sagt übrigens auch die Vereinigung Reporter ohne Grenzen selbst, mit deren Geschäftsführer Christian Mihr ich zusammengearbeitet habe. Das Ranking dient der Vereinigung dazu, Aufmerksamkeit zu erhalten, um Missstände aufzeigen und Journalisten unterstützen zu können, die in Gefahr sind.

Die Abwesenheit von Maßnahmen oder Repressalien gegen Journalisten bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass es Pressefreiheit gibt. Ein Land in dem Journalisten nicht bedroht oder umgebracht werden, ist deshalb noch lange nicht frei, was Medien angeht. Ich habe also geprüft, was man sich anschauen muss, um ein Maß für die Pressefreiheit zu haben.

Welchen Ansatz haben Sie entwickelt?

Mein Ansatz ist: Man kann prüfen, wie vielfältig die Medieninhalte sind, wenn man wissen möchte, ob Pressefreiheit gegeben ist. Ist eine Vielfalt vorhanden, können sehr unterschiedliche Meinungen geäußert werden, ist das ein Indikator dafür, dass Pressefreiheit besteht. Fehlt die Vielfalt, ist das ein Anzeichen, dass die Freiheit eingeschränkt ist. Dass zum Beispiel Minderheiten nicht zu Wort kommen, oder über bestimmte Themen nicht geredet werden darf. Allerdings kann man das nur über aufwändige Inhaltsanalysen untersuchen, das wäre für die Ermittlung eines jährlichen Rankings schwierig oder zumindest sehr teuer.

Beschäftigen Sie sich im Rahmen Ihrer Forschung weiterhin mit Pressefreiheit?

Aktuell habe ich zwei kleine Forschungsprojekte zusammen mit Studierenden unternommen. Das eine wurde gerade für eine große europäische Konferenz als Vortrag angenommen. Wir haben untersucht, ob es auch für Satiresendungen Regeln und Tabus gibt, die die Satire einschränken. Dazu haben wir Satiresendungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und den USA analysiert. Es gibt tatsächlich Einschränkungen, zum Beispiel Tabuthemen, die nicht behandelt werden, und die in den Ländern unterschiedlich ausgeprägt sind. Das andere Projekt bearbeite ich zurzeit im Masterstudiengang: Wir suchen nach rassistischen Klischees in der Medienberichterstattung.

Wie sehen Sie den Journalismus in der aktuellen Corona Krise?

Ich habe hierzu noch keine Untersuchungen gemacht. Aber grundsätzlich besteht auch aus journalistischer Sicht in so einer Situation eine Gefahr darin, dass Grundrechte zu stark eingeschränkt werden könnten, und dass die Einschränkungen nicht wieder vollkommen aufgehoben werden. Die zunächst wichtigen Maßnahmen sollten nur soweit durchgeführt werden, wie sie notwendig sind. Eine solche Situation darf nicht genutzt werden, um Maßnahmen zu verschärfen, die dauerhaft in die Grundrechte eingreifen. Ich denke da zum Beispiel an Eingriffe in den Datenschutz, wenn ich von Ideen höre, Bürgerinnen und Bürger stärker zu überwachen.

Und es besteht die Gefahr, dass staatliche Institutionen versuchen, die Kommunikation zu kontrollieren. Journalismus sollte aber gerade dann, wenn niemand weiß, was los ist und wie es weitergeht, kritische Fragen stellen und politische Maßnahmen hinterfragen. Wenn man einschränkende Maßnahmen offen diskutiert und ihre Notwendigkeit erklärt, schafft man mehr Vertrauen. Die Gründe, die dafür und dagegensprechen, sollte Journalismus diskutieren. In unserer Demokratie gehen wir schließlich davon aus, dass den Bürgerinnen und Bürgern alle Informationen zur Verfügung stehen sollten, damit sie sie abwägen und sich eine Meinung bilden können. Schließlich ist das Recht der freien Information und der freien Meinungsäußerung in unserer Demokratie festgeschrieben. Daraus leitet sich erst die Pressefreiheit ab. Außerdem darf man nicht vergessen, dass durch einschränkende Maßnahmen neue Probleme entstehen können. Auch damit offen umzugehen finde ich sehr wichtig und gehört in einer Demokratie in Notsituationen dazu.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was Pressefreiheit und Meinungsvielfalt betrifft… Was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir eine gute Finanzierung, damit der Journalismus sich frei entfalten kann. So etwas wie eine Kulturflatrate, eine Art Netflix für Journalismus. Alle, die nach bestimmten Kriterien Journalismus machen, recherchieren und wichtige Informationen veröffentlichen, vom Blogger bis zur Tageszeitung, würden einbezogen und erhielten einen Teil aus dem Topf. Das fände ich sinnvoll, damit Journalismus florieren kann. Man müsste nur Kriterien finden, wie das ohne politische Einflussnahme geschehen kann. Das müsste nicht staatlich organisiert sein, sondern es könnten sich mehrere Menschen oder Institutionen zusammenschließen. Als Kundin hätte ich eine Art Abo für Beiträge aus unterschiedlichen Quellen, aus denen ich frei aussuchen kann was ich lesen, hören oder anschauen möchte. Das wäre attraktiv!

Liebe Frau Czepek, vielen Dank für das Gespräch!

Über Prof. Dr. Andrea Czepek

Professor Dr. Andrea Czepek ist seit 2003 Professorin für Journalismus an der Jade Hochschule. Von 2012 bis 2019 war sie dort Vizepräsidentin für Studium und Lehre. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Pressefreiheit, Journalismus und Gesellschaft, Internationale Kommunikation und Europäische Öffentlichkeit.

Anlass zur Grundfrage dieses Interviews waren Passagen aus dem Buchband Freiheit und Journalismus (2018), das Frau Czepek mitherausgegeben hat. Hier diskutieren internationale Forschende unterschiedlicher Disziplinen verschiedene Facetten der Pressefreiheit.

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