Was tun gegen die Folgen des Klimawandels? Die „wassersensible“ Stadt bietet Lösungen

TLDR:

Starkregenereignisse und Hitzeperioden kommen in Zukunft häufiger auf uns zu. Wie können sich kleine und mittelgroße Städte wie Oldenburg gegen die Klimawandelfolgen wappnen? Mike Böge von der Jade Hochschule erläutert, warum die Anpassung an den Klimawandel am besten in der Gemeinschaft gelingt.

Lesedauer: 6 min Kategorien: Interview, Klimawandel Datum: 12. November 2020
Der Weg zur wassersensiblen Stadt, Skizze für den Weg

Das Konzept der wassersensiblen Stadt stammt aus Australien und weist einen Weg, wie sich mittelgroße Städte wie Oldenburg gegen die Folgen des Klimawandels wappnen können. Forschende in den Nordseeländern haben die Idee aufgegriffen und erproben Lösungen in Pilotprojekten, darunter auch Wissenschaftler der Jade Hochschule. Ein Interview mit Mike Böge, Mitarbeiter im Institut für Rohrleitungsbau.

Forschungsnotizen (FN): Welches bedeutende Starkregenereignis haben Sie zuletzt in Oldenburg miterlebt?

Mike Böge (MB): Das ist nicht lange her. Es war der Starkregen Ende Juni. Es hat in kurzer Zeit so viel geregnet, dass die Wassermengen nicht schnell genug abfließen konnten und zu Überschwemmungen in der Stadt führten. Das ist inzwischen schon eine typische Situation für Oldenburg. Zum Beispiel die Alexanderstraße auf der Höhe des Gertrudenfriedhofs steht dann unter Wasser. Auch die Autobahnunterführung an der Ammerländer Heerstraße war zeitweise gesperrt. Dort stand das Wasser so hoch, dass die Autos nicht mehr unter der Brücke durchfahren konnten.

Zusätzlich zum stockenden Verkehr entsteht durch die Überflutung auf den Straßen ein weiteres Problem: Große Fahrzeuge wie Busse können zwar das Wasser durchfahren, produzieren aber extreme Bugwellen. Das Wasser schwappt über Schwellen in Gebäude oder in höhergelegene Gelände, wo es weiteren Schaden anrichten kann.

FN: Welche Bedeutung haben diese wiederkehrenden Überflutungsereignisse langfristig für die Stadt?

MB: Starkregenereignisse treten heute häufiger auf. Und dazu braucht es keinen Jahrhundertregen, das statistisch betrachtet nur alle 100 Jahre vorkommt. In der Regel sind die historisch gewachsenen Abwasserkanäle in Oldenburg auf Regenereignisse ausgelegt, die alle 5 Jahre vorkommen können. Alle Wassermengen die in sehr kurzem Zeitraum darüber hinaus gehen, können von den Rohrleitungen irgendwann nicht schnell genug abgeführt werden. Es kommt zu Überschwemmungen. Hinzu kommt die zunehmende Flächenverdichtung durch fortschreitende Bebauung, die mit Flächenversiegelung einhergeht. Das Wasser hat weniger Möglichkeit zu versickern, muss stattdessen abfließen und hat infolgedessen keinen Platz mehr. Damit sind wir nicht allein – das gilt für sehr viele Städte in Deutschland wie in anderen Ländern.

Eine langfristige Folge von immer wiederkehrenden Überschwemmungen könnte für eine Stadt wie Oldenburg sein, dass sie langfristig in den gefährdeten Straßen und Vierteln an Lebensqualität einbüßt und diese an Attraktivität verlieren. In Teilen der Alexanderstraße ist das in den letzten Jahren schon passiert. Wer möchte schon so wohnen oder sein Geschäft dem Risiko aussetzen, dass bei regelmäßig zu erwartenden Hochwassern die unteren Räume unter Wasser stehen.

FN: Welche Folgen des Klimawandels spielen in Oldenburg noch eine Rolle?

MB: Neben den Auswirkungen von sich häufenden Starkregenereignissen haben wir es auch mit mehr Hitzeperioden zu tun. Die letzten drei Sommer sind ein Beispiel. Starke Hitze senkt ebenfalls die Lebensqualität, wenn die städtische Infrastruktur nicht für ausgleichende Kühlung sorgt. Städte mit zu vielen Überschwemmungen oder zu starker Hitze werden langfristig von ihren Bewohnern verlassen. Allein größere oder mehr Rohrleitungen zu bauen ist aber keine Lösung. Es braucht verschiedenste Maßnahmen, um regemäßig große Mengen von Wasser zu beherrschen und große Hitze zu lindern.

FN: Welche Maßnahmen können das sein?

MB: Jede Stadt und Kommune ist anders, sowohl geographisch als auch in ihrer sozialen und politischen Struktur, deshalb gibt es keine Patenzrezepte. Auch spielt die Größe der Stadt eine Rolle. Rotterdam, Singapur oder auch Berlin sind sehr gut aufgestellt in Hinblick auf die Klimaanpassung. Als Metropolen haben sie aber ganz andere finanzielle Mittel. In Oldenburg wäre allein ein kompletter Umbau des Rohrleitungssystems volkswirtschaftlich nicht tragbar. Kommunen unserer Größenordnung sollten deshalb auf kleinere zielgerichtete Maßnahmen setzen, die in besonders gefährdeten Lagen die Lebensqualität erhalten oder gar verbessern. Um geeignete Maßnahmen für eine bestimmte Kommune zu identifizieren, ist das Modell der „wassersensiblen Stadt“ sehr hilfreich.

FN: Was heißt „wassersensible Stadt“?

MB: Das Konzept der wassersensiblen Stadt wurde in Australien von Tony Wong und Rebekah Brown von der Monash University entwickelt und findet seitdem in internationalen Fachkreisen sehr große Anerkennung. Die wassersensible Stadt, oder auch Zukunftsstadt, passt sich an die Folgen des Klimawandels an. Sie hat eine multifunktionale Infrastruktur, die sie gemäß der Klimaanpassung in einem stetigen Prozess weiter entwickelt. Natürlich hat jedes Land andere Voraussetzungen, zum Beispiel hat Australien mit mehr Dürreperioden zu kämpfen als wir. Aber es geht darum, jeweils passende Lösungen zu finden. Zum Beispiel kann man Wasserwege schaffen, die in Hitzeperioden für Kühlung durch Verdunstung sorgen und bei Starkregenereignisse größere Wassermengen aufnehmen können. Entsprechend gelegene und ausgerüstete Park- oder Spielplätze lassen sich beispielsweise bei Starkregen nutzen, um Wasser temporär zurückzuhalten und die Infrastruktur zu entlasten. Gründächer sind attraktive Möglichkeiten, Wasser zwischenzuspeichern, bzw. verzögert abfließen zu lassen.

Der erste Schritt zur wassersensiblen Stadt ist aber zunächst ein Bewusstseinswandel. Vertreter des Konzepts der wassersensiblen Stadt plädieren dafür, dass wir alle – von den Regierenden über die Verantwortlichen in der Stadtplanung bis zu den Bürgerinnen und Bürgern – unsere Umwelt stetig beobachten und unsere Entscheidungen und unser Handeln an die Beobachtungen anpassen. Dabei sollten wir ebenfalls die Wirkung der Maßnahmen auf die Menschen und vor allem auf die Folgegenerationen im Blick behalten. Wir sprechen von einer Evolution von Städten in Hinblick auf die Ressource Wasser, die wir bewusst auf privater und öffentlicher Ebene mitgestalten.
Eine Stadt, die lediglich die Wasserversorgung im Blick hat, ist auf einer niedrigeren Evolutionsstufe als eine, die bereits Regenwassermanagement betreibt. Im Idealzustand haben alle Akteure das Bewusstsein einer „wasserresilienten“ Stadt.

Grafik wassersensible Stadt, watersensitive city, Entwicklung der Infrastruktur
Das Prinzip der wassersensiblen Stadt (verändert nach Wong und Brown, 2008)
Foto: Mike Böge und Helge Bormann/Jade Hochschule

Die wassersensible Stadt (Water Sensitive City) ist am weitesten an die Klimawandelfolgen angepasst. Die Städte des Pilotprojekts CATCH befanden sich etwa zwischen dem Status einer Drained City und einer Waterways City. Die Klimaanpassung steht hier also noch bevor – so wie in den meisten Kommunen weltweit.

FN: Sie arbeiten in einem internationalen Forschungsprojekt mit, das Maßnahmen für mehr Wasserresilienz in mittelgroßen Städten im Nordseeraum testet. Welche Maßnahmen sind das?

MB: In Oldenburg beispielsweise verfolgen wir das Ziel, den Schaden bei Überschwemmungen zu reduzieren. Die Überschwemmungen können wir kurzfristig aus den genannten Gründen nicht verhindern. Aber indem wir den Verkehr in Oldenburg umleiten, hindern wir Busse und LKWs daran, durch das Hochwasser zu fahren und Bugwellen zu produzieren, die Wasser in Wohnhäuser und Geschäfte spülen. Das Spannende an unserem Projekt ist, dass wir mit den beteiligten Städten sehr unterschiedliche Maßnahmen prüfen können.

In Norwich in Großbritannien zum Beispiel verschenken wir Tanks für Regenwasser an Bürgerinnen und Bürger. Die Menschen, die einen Garten haben, können sich Wassertanks in der Regel leisten. Aber es geht darum, bei den Menschen das Bewusstsein dafür zu schaffen, was jeder einzelne für eine bessere Umwelt tun kann. Das Beispiel zeigt die Grundidee unseres Projektes: Wir wollen Umwelt-Faktoren mit Lebensqualität verbinden und dadurch einen Mehrwert schaffen. Wenn ich durch mein eigenes Verhalten einen Mehrwert schaffe, verstehe ich am besten, dass Klimaanpassungen in der Gemeinschaft am besten gelingen.

In Arvika in Schweden führen wir eine andere interessante Maßnahme durch. Dort fließen seit Jahren regelmäßig große Wassermengen über hügelige Wiesen in einen See und spülen so viele Nährstoffe hinein, dass der See mit Nährstoffen überversorgt wird. Wir sprechen dann von Eutrophierung. Infolgedessen veralgt der See, fängt an zu stinken. Für die Pflanzen- und Tierwelt ist das fatal, weil die Zersetzung der Algen dem See Sauerstoff entzieht. Der See verliert zunehmend an Naherholungscharakter. Durch eine Maßnahme im Projekt wird jetzt das Regenwasser über einen Pflanzengürtel umgeleitet, welcher für eine Reduzierung der Nährstoffe im See sorgt.

Außerdem arbeiten wir mit multifunktionalen Flächen. Sie sind ein Mittel für Wasserrückhalt. Im dänischen Vejle sollen Spielplätze, Parkplätze und Rasenflächen die zusätzliche Funktion bekommen, bei Hochwasserereignissen Wasser aufzunehmen. Der Spielplatz ist dann überflutet, bis das Ereignis vorbei ist. In Enschede in den Niederlanden entsteht ein neues Fließgewässer durch die Stadt, das bei Hochwasser zusätzliche Wassermengen aufnimmt und in Hitzeperioden für Verdunstungskühle sorgt. Im Rahmen des Projektes werden auch hier zusätzliche Stauraumflächen ausgebaut. Die wassersensitive Stadt bekommt also mehr Grünflächen und Wasserwege für das Wassermanagement und wird sichtbar grüner und blauer!

FN: Wie können andere Städte die Erkenntnisse Ihres Projektes nutzen?

MB: Mithilfe unserer Pilotstädte haben wir ein Analyse- und Strategie-Tool entwickelt, mit dem Entscheider in Kommunen ermitteln können, wo in der Entwicklung zur wassersensitiven Stadt sie stehen und welche Lösungen sich für ihre Stadt eignen.
Es handelt sich um ein einfach zu bedienendes digitales Dashboard, über das man zunächst Fragen zur Selbsteinschätzung der Kommune beantwortet. Anhand der Antworten ermittelt das Tool den Status der Stadt in Hinblick auf Wassersensitivität. Zusätzlich zeigt das Tool Maßnahmen an, welche die Kommune ergreifen kann, um die Wasserresilienz zu erhöhen.

Die Maßnahmen, die wir in den Pilotstädten umgesetzt haben, fließen natürlich in das Tool ein. Genauso wie andere Maßnahmen, mit denen weltweit fortgeschrittenere wasserresiliente Städte Erfahrungen gesammelt haben. Mit mehr neuen Maßnahmen soll auch das Lösungsportfolio in unserem Tool stetig wachsen.
Nach Projektabschluss stellen wir das Tool allen Entscheidern und Stadtplanern zur Verfügung. Unser Ziel ist, dass sich mithilfe des Tools mehr Städte auf den Weg machen, wassersensibel zu werden!

FN: Herr Böge, danke für das Gespräch!

Über das Projekt

CATCH ist ein europäisch gefördertes im Nordseeraum angesiedeltes Projekt, an dem Dänemark, Belgien, die Niederlande, Großbritannien, Schweden und Deutschland beteiligt sind. Die Pilotprojekte finden in Städten mit 14.000 (Arvika/Schweden) bis 164.000 Einwohnern (Oldenburg) statt.

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