Foto: Arbeitsgruppe Lüttje Loog/Interdisziplinäres Lehrprojekt der Jade Hochschule und der Hochschule Emden/Leer

„Lüttje Loog“, eine Kita für Spiekeroog… oder: wie aus sechs Studierenden ein kreatives Team wird

TLDR:

Wenn Spiekeroog eine Kita hätte, wie würde die aussehen? In einem interdisziplinären Lehrprojekt haben Studierende der Jade Hochschule und der Hochschule Emden/Leer eine fiktive Kindertagesstätte entworfen.

Lesedauer: 7 min Kategorien: Interview, Architektur Datum: 6. August 2020

Wer Spiekeroog schonmal besucht hat, kennt eine kleine autofreie Insel mit einem hübschen Ort, schönen Dünenlandschaften, Naturschutzgebieten und Stränden. Auf 18 Quadratkilometern leben hier 800 Einwohner_innen. Belebter wird Spiekeroog in den Sommermonaten durch die Urlaubsgäste, die in Ferienwohnungen und auf dem Campingplatz wohnen. Obwohl die Insel keine weitere Kindertagesstätte braucht, ist die Entwicklung einer Kita umgeben von Dünen ein wunderbares Projekt. Wie könnte die Kita aussehen? Was ist zu beachten, wenn man ein Gebäude auf einer Insel entwickelt, das Kindern Wohlfühlen und Entfaltung ermöglichen soll? Studierende der Jade Hochschule und der Hochschule Emden-Leer haben sich diesen Fragen gewidmet und in einem Lehrprojekt die fiktive Kindertagesstätte „Lüttje Loog“ entworfen. Wie ist das Konzept entstanden? Ein (virtuell geführtes) Gespräch.

ForschungsNotizen: Ihr seid sechs Studierende und habt einen Entwurf für eine Kita auf Spiekeroog erarbeitet. Wie kam es dazu?

Kathrin Willeke (KW): Die Aufgabe bestand darin, eine fiktive Kindertagessstätte für Spiekeroog zu entwickeln. Das Projekt war interdisziplinär organisiert. Ziel war, ein pädagogisches Konzept zu erarbeiten und am Ende einen Lageplan, architektonische Zeichnungen und detaillierte Baupläne für die Kita abzuliefern. In jedem Team waren vier Fachbereiche vertreten: Kindheitspädagogik, Geoinformation, Architektur und Bauingenieurwesen.

Charline Kohl (CK): Eigentlich hätten wir eine Exkursion gemacht und wären gemeinsam auf die Insel Spiekeroog gefahren. Dort hätten wir uns vermutlich anders kennengelernt und vor Ort in Gruppen zusammengearbeitet. Dann kam Corona. Unsere Gruppe hat sich noch nie persönlich getroffen, sondern alles virtuell besprochen. Dafür ist alles ganz schön gut gelaufen. Unser erstes echtes Treffen werden wir heute nach diesem Gespräch nachholen.

FN: Wie habt ihr als Team euer Konzept entwickelt?

KW: Inhaltlich sind wir von zwei Fragen ausgegangen: Welchen Standort wollen wir für unsere Kita, und wie soll das pädagogische Konzept aussehen? Aus unseren Überlegungen sind dann der Grundriss und der architektonische Entwurf entstanden. Für die Planung der Bauphase kam zum Schluss das BIM-Modell in 3D, das alle Gebäudedetails enthält.

Jana Ullrich (JU): Wir haben uns von Anfang an gut verstanden, haben inhaltlich und argumentativ diskutiert. Wir haben im Team alle Fragen fachbereichsübergreifend besprochen und Entscheidungen gemeinsam getroffen. Gleichzeitig brachte jede Disziplin von Anfang an ihr Fachwissen ein. Die Experten können sagen, was möglich oder nicht machbar ist, welche Vor- und Nachteile bestimmte Ideen haben. Anschließend hat jeder Fachbereich sein Konzept im Detail ausgearbeitet. Zwischen den virtuellen Treffen haben wir per WhatsApp kommuniziert und Fragen geklärt.

FN: Für welchen Standort habt Ihr euch entschieden und wie seid ihr dahin gekommen?

Christopher Michels (CM): Unsere Kita liegt zentral in einer Straße im Norden des Dorfs, parallel zur Hauptstraße von Spiekeroog. Wir haben ein Randgrundstück ausgesucht, das einen sehr guten Grundriss hat. Es ist von überall im Ort gut erreichbar und sehr naturnah. Das fanden wir für Kinder ideal.

KW: Um den geeigneten Ort für unsere Kita zu finden, haben wir mit einem Geoinformationssystem, kurz GIS, einen Standortplan erstellt. Der Plan zeigt Einrichtungen wie Supermärkte, Apotheken oder Ärzte und weitere Punkte, die für unsere Standortwahl eine Rolle spielen. Für mich war auch schön zeigen zu können, was wir in der Geoinformation eigentlich machen. Unser Studiengang ist einzigartig in Deutschland – es wissen aber nur die wenigsten, wie wir eigentlich arbeiten…

CM: … Im Grunde erfassen wir Daten, verarbeiten und analysieren sie. Das Ergebnis ist die fertige Karte mit allen relevanten Informationen, von der Kathrin sprach. Sie ist sozusagen die Präsenz des Bauvorhabens im vorhandenen Raum.

Die fiktive Kita ist für die Nordseite des Dorfes Spiekeroog geplant. Auch im Sommer bleiben die Kinder hier ungestört durch den touristischen Trubel.
Foto: Arbeitsgruppe Lüttje Loog/Interdisziplinäres Lehrprojekt der Jade Hochschule und der Hochschule Emden/Leer

FN: Welches pädagogische Konzept liegt dem Kita-Entwurf zugrunde?

Martha Hentschel: Unser pädagogischer Ansatz sieht das Kind als Individuum. Die pädagogischen Fachkräfte gehen auf den Entwicklungsstand und die Persönlichkeit jedes Kindes ein. Jedes Kind bekommt Freiraum zur selbstständigen Entwicklung und kann sich aktiv am gemeinschaftlichen Leben beteiligen – das Stichwort ist hier Partizipation.

Wichtig ist auch, dass die Kinder ein Bewusstsein für den eigenen Körper, Bewegung und Gesundheit entwickeln können. Deshalb verfügt unsere Kita über ein vielfältiges Angebot an Bewegungsmöglichkeiten. Es gibt Orte, an denen die Kinder zur Ruhe kommen können und eine Küche, in der sie gemeinsam kochen und einen Bezug zu gesunder Ernährung bekommen. Die Lernumgebung soll anregen, immer mehr lernen und selbstständig tun zu wollen. Draußen können die Kinder die Natur entdecken und sich bei Ausflügen mit anderen Lebenswelten auseinandersetzen.

Das Pädagogische Konzept umfasst die Rahmenbedingungen, das Bild vom Kind und die Bildungsziele, die sich die Kita setzt. Es ist für den Gebäudeentwurf, die Raumgestaltung wie für die Arbeit der pädagogischen Fachkräfte von Bedeutung.
Foto: Arbeitsgruppe Lüttje Loog/Interdisziplinäres Lehrprojekt der Jade Hochschule und der Hochschule Emden/Leer

FN: Wie sieht der Grundriss für die Kita aus?

CK: Unser Entwurf setzt sich aus mehreren miteinander verbundenen „Häusern“ unterschiedlicher Größe und Dachform zusammen. Bei der Ausrichtung der Kita haben wir uns an den Himmelsrichtungen und am kindheitspädagogischen Konzept orientiert. Besonders wichtig sind uns Nachhaltigkeit und ökologische Effizienz. Aufgrund der Gegebenheiten auf der Insel haben wir uns für einen Klinkerbau entschieden. Das Material muss per Boot an die Baustelle geliefert werden, und Klinkerpakete sparen Platz. Da unser Grundstück sich in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt befindet, haben wir auch die Gestaltungssatzung von Spiekeroog berücksichtigt. Wir nutzen einen Gebäudetyp, der charakteristisch für Spiekeroog ist. Er hat Satteldächer ohne Dachüberstand, Klinker und ist in den Farben Blau, Weiß und Grün gehalten.

JU: Jedes der Häuser unserer Kita erfüllt eine Funktion. Es gibt Gruppenräume, einen Verwaltungstrakt, Gemeinschaftshäuser und einen Aufenthaltsbereich in der Mitte, der die Häuser miteinander verbindet. Der Aufenthaltsbereich in der Mitte bietet Spielmöglichkeiten für die Kinder, wenn sie zum Beispiel wegen schlechten Wetters nicht draußen sein können. Dieser zentrale Bereich verfügt außerdem über Ruhebereiche und eine Garderobe. Alle Gruppenräume haben einen Schlafbereich im Dachstuhl. Große Glaselemente schaffen für die Kinder Transparenz und die Möglichkeit, ihre Neugier zu stillen. Über die Fensterflächen können sie zum Beispiel auf das begrünte Dach oder auf den Strand schauen, und es ist möglich, in die anderen Gruppenräume oder in die Außenbereiche zu sehen.

„Lüttje Loog“ ist modular aufgebaut. Ein zentraler Mehrzweckraum verbindet die Funktionsräume der Kita miteinander.
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Eine freundliche abwechslungsreiche Umgebung ermöglicht den Kita-Kindern zu spielen, sich auszutoben oder sich auch mal zurückzuziehen – je nachdem, was gerade wichtig ist.
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FN: Welche Bedeutung hat das digitale 3D-Modell für das Konzept?

Eva Grothaus (EG): Das 3D-Modell, das wir im Bauingenieurwesen anhand eines Grundrisses erstellen, enthält exakt alle Informationen für die Umsetzung des Baus. Dazu gehören zum Beispiel die Fundamente, der Wandaufbau, die Dämmung, die Attika, das Dach mit Begrünung und vieles mehr. Für das 3D-Modell sind die millimetergenauen Abmessungen wichtig. Es geht um jedes kleine Detail: Wo sitzt welche Abdichtung, wo ist die Bitumenabdichtung, und so weiter. Hier muss nicht nur das Konzept umgesetzt sein. Alle Spezifikationen sind festgehalten und müssen realitätsgetreu stimmen. Es muss sichergestellt sein, dass das Gebäude technisch in allen Aspekten sicher ist und hält.
Es war nicht einfach, das Modell perfekt mit allen Eigenschaften des Baus und allen geplanten Formen hinzubekommen. Wir haben viele Variablen in der Gruppe diskutiert, bevor das Modell schließlich fertig war.

Das realitätsgerechte BIM-Modell in 3D enthält alle Details für die Bauphase.
Foto: Arbeitsgruppe Lüttje Loog/Interdisziplinäres Lehrprojekt der Jade Hochschule und der Hochschule Emden/Leer

FN: Was ist euch am wichtigsten an diesem Konzept?

JU: Zur Aufgabe gehörte, dass die Kita, die wir für Spiekeroog entwickelt haben, sich auch in anderen Regionen Deutschlands realisieren lässt. Daher war wichtig, dass das Konzept flexibel ist. Es muss nicht in eine Düne gebaut werden, weil es die nicht überall gibt. Und das Konzept sollte erweiterbar sein. Wir haben drei Häuschen geplant, könnten aber noch mehrere ergänzen und auch den Zwischenraum größer machen. Das kann wichtig sein, wenn man mehr Kinder betreuen will, zum Beispiel in einer größeren Stadt. Oder man macht das Gebäude bei Bedarf kleiner. Der multifunktionale Raum in der Mitte ermöglicht außerdem weitere Nutzungen. Dort kann zum Beispiel abends Yoga stattfinden. Je nachdem, wie man es nutzen möchte, passt man das Konzept an…

CK: …Auch die Möblierung ist beispielhaft, die Räume lassen sich anders stellen, die Küche lässt sich woanders hin bauen. Wenn man mehr Gruppen mit jüngeren Kindern hat, richtet man die Räume anders ein als wenn die Kinder älter sind, und so weiter. „Lüttje Loog“ heißt „Kleines Dorf“. Ganz nach den Bedürfnissen der Menschen lässt sich das Konzept anpassen, so wie sich auch ein Dorf entwickelt und anpasst.

FN: Vielen Dank für das Gespräch!

Direkt im Anschluss an unser Interview trafen sich die Studierenden zum ersten Mal im echten Leben. Von links: Martha Hentschel (Studentin der Kindheitspädagogik/Hochschule Emden/Leer), Charline Kohl (Master-Studentin der Architektur/Jade Hochschule), Eva Grothaus (Studentin im Bauingenieurwesen/Jade Hochschule), Christopher Michels und Kathrin Willeke, (Studierende der Wirtschaftsingenieurwesen-Geoinformation/ Jade Hochschule) und Jana Ulrich (Master-Studentin der Architektur an der Jade Hochschule).
Foto: Arbeitsgruppe Lüttje Loog/Interdisziplinäres Lehrprojekt der Jade Hochschule und der Hochschule Emden/Leer

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