Foto: Orbon Alija/iStock
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Pandemien früher und heute

TLDR:

Was können wir aus früheren Pandemien für unseren Umgang mit Corona lernen? Das untersuchte ein studentisches Team an der Universität Oldenburg – und entwickelte mit der Fühlwand ein Mittel, um Körperkontakt trotz Corona zu ermöglichen.

Lesedauer: 4:00 min Kategorie: Medizingeschichte Datum: 1. April 2021

Die antoninische Pest, die justinianische Pest, der „schwarze Tod“, die spanische Grippe – Pandemien hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Wie sind die Menschen früher mit ihnen umgegangen? Können wir von ihren Erfahrungen lernen? Und wenn ja, was genau? Odysseus Savvides, Asem Al-Salemi und Hussam Abou Daher wollten es wissen: Gemeinsam mit ihrem Dozenten Prof. Dr. Ulrich Herold-Brinck beschäftigten sie sich im Rahmen des Lehrprofils forschen@studium mit historischen Pandemien. Am Ende inspirierten ihre Einblicke sie dazu, mit der Fühlwand ein Hilfsmittel zu entwickeln, das auch bei Besuchen in Pflegeheimen Körperkontakt ermöglicht.

Ein vielfältiges Projekt also, das klein begann: Vor etwa einem Jahr war Odysseus Savvides, Student im Masterstudiengang Europäische Geschichte, auf Ideensuche für seine Masterarbeit. Das grobe Thema – europäische Medizingeschichte – stand schnell fest. Mit Ulrich Herold-Brinck, Lehrbeauftragter für Pathologie an der Fakultät VI Medizin und Gesundheitswissenschaften, fand er einen Gesprächspartner, um seine Ideen weiter zu verfolgen. „Wir interessierten uns beide sehr für das Fachgebiet des jeweils anderen und telefonierten manchmal bis in die Nacht“, erinnert sich Savvides. Als dann das Referat Studium und Lehre der Universität Studierende dazu aufrief, sich mit einer Forschungsarbeit zur Corona-Pandemie um Förderung zu bewerben, holten Herold-Brinck und Savvides mit Al-Salemi und Abou Daher noch zwei Medizinstudenten in ihr Team. Die Förderung wurde bewilligt: Die Studenten erhielten Gelder für Sachmittel und wurden außerdem für den Zeitraum ihrer Arbeit als wissenschaftliche Hilfskräfte angestellt. So begannen sie mit ihrem Projekt unter dem Titel „Historischer Vergleich der Prävention bei Pandemien“.

Gesundheit – eine Sache des Einzelnen?

Mit der antoninischen und der justinianischen Pest nahm das Team zwei Pandemien der Antike in den Blick. Erstere wurde nach dem römischen Kaiser Marcus Aurelius Antoninus benannt, der im zweiten Jahrhundert nach Christus zu Zeiten der Pandemie lebte. Seine große Ausdehnung und vielfältigen Verkehrswege wurden dem Römischen Reich damals zum Verhängnis: So wurde die Krankheit wahrscheinlich 165 im Partherkrieg oder aus Ägypten eingeschleppt und verbreitete sich im ganzen Reich, insbesondere auf der italienischen Halbinsel. Expert_innen schätzen, dass allein in Rom zwischen 7 und 33 Prozent der Bevölkerung an der Krankheit starben. Wer sich ansteckte, litt unter anderem unter Fieber und einem schwarzen Hautausschlag „Aufgrund der Symptome nimmt man heute an, dass es sich um eine spezielle Form der Pocken gehandelt haben könnte“, erläutert Herold-Brinck.

Was also tun? Um herauszufinden, welche Präventionsmaßnahmen damals empfohlen und praktiziert wurden, analysierten die Studenten die Schriften von Galen von Pergamon, der zur damaligen Zeit Arzt war. „Galen war überzeugt von den selbstheilenden Kräften des Körpers“, erklärt Savvides. „Er empfahl, die Wunden trockenzulegen und den gesunden Normalzustand des Körpers wiederherzustellen – etwas, das man heute vielleicht ,Stärkung der Abwehrkräfte‘ nennen würde.“ Was die Gruppe überraschte: Obwohl Galen annahm, dass sich die Krankheit über die Luft verbreitete, empfahl er keine der Maßnahmen, die heute gang und gäbe sind – etwa Abstandhalten oder Quarantäne. Stattdessen fokussierte er sich auf die Heilung des Individuums.

Über Jahrhunderte blieben Galens Werke in der Medizin prägend - hier eine Handschrift seiner Werke aus dem 15. Jahrhundert. Bildquelle: https://wellcomecollection.org/works/bxmb3vru/images?id=asbzd9k2, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY 4.0 ((https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/)
Über Jahrhunderte blieben Galens Werke in der Medizin prägend – hier eine Handschrift seiner Werke aus dem 15. Jahrhundert.
Foto: https://wellcomecollection.org/works/bxmb3vru/images?id=asbzd9k2, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY 4.0 ((https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/)

Gemeinsam gegen die justinianische Pest

Anders war dies bei der justinianischen Pest, die zu Zeiten des oströmischen Kaisers Justinian (527-565) ausbrach. Etwa zweihundert Jahre lang flammte sie immer wieder auf. Einige Historiker_innen schätzen, dass mehr als 30 Prozent der Bevölkerung des Oströmischen Reichs an ihr starben. Die meisten Forschenden gehen davon aus, dass hinter der Krankheit der Pesterreger Yersinia pestis steckte. Er wurde durch Flöhe übertragen und verursachte Beulen an den Lymphknoten. Nach einer Ansteckung konnten Erkrankte über die Atemluft auch andere infizieren. Viele starben an Atmungs- oder Herzversagen.

„Anders als bei der antoninischen Pest stießen wir in den Quellen aus dieser Zeit auf den Gedanken, dass die Gesellschaft als Ganze gefragt ist, die Krankheit zu bekämpfen“, erläutert Savvides. Nicht zuletzt im Hadith, eine Sammlung von Aussprüchen des Propheten Mohammed, fand die Gruppe solche Vorstellungen. Dazu gehört der Ratschlag, eine Stadt, in der eine Seuche ausgebrochen ist, weder von außen zu betreten noch von innen zu verlassen – etwas, das dem heutigen „Abriegeln“ von bestimmten Gegenden sehr nahe kommt.

Nähe trotz Pandemie – die Fühlwand

Dass solche Maßnahmen schon damals zu Konflikten führten, liegt nahe – andernfalls wären solche expliziten Hinweise wohl kaum nötig gewesen. „Immer wieder stießen wir in den Quellen auf Fragen, die uns auch heute bewegen“, erläutert Abou Daher. „Wie können wir räumliche Distanz zu anderen wahren, gleichzeitig aber emotionale und vielleicht sogar körperliche Nähe zulassen?“ Für dieses Problem entwickelte die Gruppe eine praktische Lösung: die Fühlwand.

Körperberührung trotz Distanz – wie das mit der Fühlwand möglich ist, präsentieren Asem Al-Salemi und Hussam Abou Daher.
Foto: Ulrich Herold-Brinck

Gemeint ist damit eine Barriere aus transparentem Kunststoff, die in einen Türrahmen eingehängt werden kann – etwa für Besuche von Pflegeheimbewohner_innen. Die Menschen auf beiden Seiten der Barriere können sich also auch ohne Maske sehen und mithilfe von Ärmlingen, die in die Barriere eingearbeitet sind, berühren oder umarmen. Schnell war sich die Gruppe über dieses Konzept einig. Doch der Teufel steckt bekanntermaßen im Detail. „Unter anderem experimentierten wir mit unterschiedlich dicken Plastikbarrieren“, erklärt Al-Salemi. „Denn auf der einen Seite sollte die Trennscheibe stabil genug sein, um älteren Menschen beim Stehen Halt zu geben. Auf der anderen Seite muss sie so schalldurchlässig wie möglich sein, damit sich die Personen auf beiden Seiten miteinander unterhalten können.“

Begegnungen statt Isolation

Gemeinsam mit einer Änderungsschneiderei in Bremen entwickelte die Gruppe einen Prototypen. In einem Pflegeheim in Bremerhaven probierten sie die Fühlwand aus. Nicht nur von dessen Personal und Bewohner_innen, auch von einer Sterbebegleiterin bekam die Gruppe positives Feedback. „Als besonders hilfreich erwies sich die Möglichkeit, auch ohne Maske miteinander kommunizieren zu können“, erläutert Al-Salemi. „Gerade für Personen mit Demenz, denen es schwer fällt, ihr Gegenüber wiederzuerkennen, ist es wichtig, die Gesichtszüge lesen zu können.“

Bestärkt durch das positive Feedback entwickelte die Gruppe die Fühlwand weiter, selbst nachdem sie ihre Arbeit für das Projekt forschen@studium bereits abgeschlossen hatte. Im November 2020 stellte sie die Fühlwand bei der Messe pro.vention in Erfurt vor. Aktuell beschäftigen sich Abou Daher und Al-Salemi in Forschungsarbeiten damit, die Fühlwand weiterzuentwickeln und auch für andere Maßnahmen wie zum Beispiel das Durchführen von Abstrichen nutzbar zu machen.

Nicht zuletzt geht es ihnen auch darum, die Pandemie nicht zu verdrängen, sondern ihr im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht zu geben. „Viele sehen Corona immer noch als Krankheit, an der vor allem alte Menschen sterben, die ohnehin am Ende ihres Lebens stehen“, erläutert Herold-Brinck. „Die Fühlwand kann helfen, sie nicht zu isolieren, sondern Begegnungen zu ermöglichen.“

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