Foto: Nasa/Unsplash

Was bedeutet die Digitalisierung für die wissenschaftliche Forschung?

TLDR:

Die Digitalisierung führt zum einen zu neuen Anwendungs- und Forschungsgebieten, zum anderen erlebt durch sie die Wissenschaft selbst einen Wandel. Insbesondere das Internet hat in den vergangenen Jahrzehnten eine globale Wissensvernetzung ermöglicht. Eine große Chance für die Forschung ist es außerdem, Bürgerinnen und Bürger für die Teilhabe an wissenschaftlicher Forschung durch digitale Medien zu gewinnen. Wie all diese Themen heute an den Hochschulen umgesetzt werden, darüber haben wir mit Prof. Dr. Jorge Marx Gómez gesprochen.

Lesedauer: 5 min Kategorie: Interview Datum: 17. Juni 2020

# Ein Interview mit Prof. Dr. Jorge Marx Gómez anlässlich des 1. Digitaltags 2020

 

Prof. Dr. Marx Gómez

Herr Marx Gómez, Sie sind an der Universität Oldenburg im Bereich der Wirtschaftsinformatik als Professor für große betriebliche Informationssysteme verantwortlich. Wo liegen Ihre Schwerpunkte bezüglich der Digitalisierung?

In der Anwendungsorientierung liegt der Fokus meiner Abteilung auf dem Einsatz von Informationstechnologien im betrieblichen Kontext. Es geht darum, Möglichkeiten der Digitalisierung in praktischen Anwendungsfällen neu zu denken und so umzusetzen, dass die Wirtschaft und auch die Gesellschaft profitieren.

Im Mittelpunkt der Forschung stehen natürlich oft Daten und datengetriebene Entscheidungen, zum Beispiel unterstützt durch Künstliche Intelligenz oder Business Intelligence. Diesen liegen aber auch Fragestellung von Datenintegration und -management zugrunde. Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsinformatik sind weitere zentrale Themen unserer Arbeit. Als ich zum Einsatz von IT zur Unterstützung einer Kreislaufwirtschaft promoviert habe, war das Thema schon genauso relevant wie heute, aber gesellschaftlich leider noch nicht so präsent. Mittlerweile beschäftige ich mich mit meiner Abteilung unter anderem auch mit nachhaltiger Mobilität, nachhaltigem Ressourceneinsatz, Nachhaltigkeitsberichterstattung – die Anwendungsbereiche sind vielfältig.

Persönlich ist es mir ein wichtiges Anliegen, Wissen und Erfahrungen zu teilen und zu vernetzen. Sowohl im regionalen Kontext in diversen Kooperationen und Projekten hier in Oldenburg, aber auch im internationalen Kontext, zum Beispiel bei der Weiterentwicklung von Hochschulbildung (Capacity Building) in Afrika.

Wie ist Ihre wissenschaftliche Sicht auf Digitalisierung? Worin sehen Sie hinsichtlich Digitalisierung die wichtigsten Aufgaben der Wissenschaft?

Aus wissenschaftlicher Forschung entsteht technologischer Fortschritt. Das ist auch bei der Digitalisierung ein wichtiger Beitrag der Wissenschaft. Doch Technologien sind nur so fortschrittlich wie ihre Anwendung. So geht es wesentlich auch darum, Methoden zur Anwendung der Technologien zu entwickeln und zu verbessern. Auch Technologien in neuen Anwendungskontexten einzusetzen, Zukunftsszenarien anzudenken und den Weg dorthin zu erforschen, wo es wirtschaftlich vielleicht noch nicht rentabel, aber gesellschaftlich sinnvoll ist. Zum Beispiel haben wir mit dem Projekt NEMo das Ziel verfolgt, durch Anwendungsentwicklung die nachhaltige Mobilität im ländlichen Raum zu stärken. Obwohl das Carsharing auf dem Land nicht rentabel ist, ist Mobilität dort mindestens genauso wichtig und sollte wie überall nachhaltiger werden.

Neben dem technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt ist es auch an der Wissenschaft, Verantwortung zu übernehmen. Es geht darum, Technologie und deren Einsatz zu hinterfragen. Nicht alles, was geht, sollte auch umgesetzt werden. Auch vieles, was in der Praxis schon passiert, bedarf genauer Betrachtung. Wem gehören Daten? Welche Daten gilt es wie zu schützen? Das sind Fragestellungen der Digitalisierung, die wissenschaftlicher Betrachtung bedürfen, um politische und praktische Entscheidungen zu unterstützen.

Wie verändert die Digitalisierung die wissenschaftliche Forschung?

Die Digitalisierung in Sektoren wie der Industrie und dem Gesundheitswesen oder im Energiesektor führen zu neuen Anwendungs- und Forschungsgebieten der Informatik. Doch auch der Forschungsprozess selbst durchlebt durch die Digitalisierung einen Wandel. Insbesondere das Internet hat in den vergangenen Jahrzehnten eine globale Wissensvernetzung ermöglicht. Die zentrale Herausforderung ist nicht mehr, Informationen überhaupt zu finden, sondern die relevanten Informationen aus einer großen Menge zu selektieren. Mit Blick in die Zukunft gibt es schon Ansätze, dieser Herausforderung mit KI-basierten Algorithmen entgegenzuwirken. Diese Algorithmen durchsuchen große Mengen an Literatur und informieren automatisiert über neue und vor allem relevante Publikationen.

Andererseits bedingt die technologische Möglichkeit offener Wissenschaft deren praktische Umsetzung nicht zwangsläufig. Das zeigt sich auch in fortwährenden Debatten um Open Science. Sollte Wissenschaft frei zugänglich sein? Verliert sie damit ihren Wert oder schafft das Fortschritt? Mit diesen Themen lassen sich ganze Vorlesungen und lange Debatten füllen.

Ein sehr aktuelles Thema für die Hochschulen ist inzwischen auch die Wissenschaftskommunikation, denn Bürgerinnen und Bürger sollen wissen, was an den Hochschulen geforscht wird. Inwiefern werden Forschungsergebnisse durch die Digitalisierung Ihrer Meinung nach in der Bevölkerung präsenter?

Die Digitalisierung hat dazu beigetragen, dass wissenschaftliche Forschung aus dem Elfenbeinturm der Universitäten ausbricht. Einerseits ermöglichen Informationstechnologien den sofortigen Zugriff auf Forschungsergebnisse aus aller Welt. Andererseits wird die Forschung durch Wissenschaftskommunikation, insbesondere über digitale Plattformen, allgegenwärtig, da sie auf den gleichen Portalen, wie andere (Entertainment-)Angebote, stattfindet.

Eine große Chance für die Forschung ist es auch, Bürgerinnen und Bürger für die Teilhabe zu gewinnen. Das wird durch Digitalisierung vielleicht einfacher. Können Sie Beispiele für Projekte nennen, die Sie zusammen mit Bürgerinnen und Bürgern – möglicherweise digital – realisiert haben?

Die Universität Oldenburg kooperiert insgesamt mit vielen Partnern, gerade auch in der Wirtschaftsinformatik, in der wir sehr praxisorientiert arbeiten. Häufig widmen wir uns gesellschaftlichen Fragestellungen und dabei ist es besonders relevant, die Perspektive der Bürger_innen einzunehmen und diese einzubeziehen.

Im Projekt erfassen und analysieren wir Radverkehrsdaten zur Unterstützung der Infrastrukturoptimierung in Oldenburg. Bei diesem Vorhaben war eine wichtige Komponente die Erhebung der Erfahrungen von Bürger_innen und die Verknüpfung mit Messdaten von Sensoren. Realisiert haben wir dies über Online-Umfragen und das Anbringen von Sensoren an den Fahrrädern von interessierten Bürger_innen. Das Interesse und Engagement bei dieser Aktion war sehr groß, was mich sehr gefreut hat.

In vielen Forschungsprojekten sind Bürger_innen Stakeholder, so auch im Projekt NEMo. Ein besonderes Augenmerk liegt hier auf der Selbstorganisation der Bürger_innen (zum Beispiel Fahrgemeinschaften und Nachbarschaftsauto). Für die Bereitstellung eines umfassenden und offenen Mobilitätsangebots werden wirtschaftliche, gesellschaftliche und organisatorische Konzepte entwickelt.

Was ist das Wertvolle, das Bürgerinnen und Bürger zu Forschung beitragen können? Haben Sie hierfür Beispiele?

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es viele Mehrwerte durch die Zusammenarbeit mit Bürger_innen. In Projekten, in denen Bürger_innen Stakeholder sind, ist der Perspektivwechsel ein wichtiger Schritt im Forschungsprozess. Da können wir als Wissenschaftler_innen von den Bürger_innen lernen. Darüber hinaus dient das Feedback aus der „echten Welt“, das wir von Bürger_innen erhalten, dazu, Forschungsergebnisse zu evaluieren. Hier geht Wissenschaftskommunikation und Bürgerbeteiligung häufig Hand in Hand.

Im Zuge der Digitalisierung erlangen Daten in der Forschung einen immer größeren Stellenwert. Bürger_innen können hier, wie im Projekt ECOSense, wertvolle Daten beitragen. Bei qualitativen Erhebungen erhalten wir zudem von Bürger_innen vielfältige Perspektiven, die in Summe den Querschnitt der Gesellschaft widerspiegeln.

Ganz wichtig ist auch der Umkehrschluss daraus. Was können Wissenschaft und Digitalisierung zur Gesellschaft beitragen? Die Digitalisierung ist ein Mittel zum Zweck; sie soll uns Menschen unterstützen. Apps, Plattformen, digitale Produkte und so weiter nützen uns nur, wenn sie so entwickelt werden, dass sie unseren Zwecken dienen. In diesem Kontext erforschen wir aktuell im Projekt PUUK, welche Umweltinformationen von Unternehmen und Kommunen Bürgerinnen und Bürger tatsächlich interessieren und wie diese optimal kommuniziert werden können. Es geht hier um Daten über Einwirkungen auf die natürliche Umgebung, wie Flächennutzung, Lärm, Energie, Verkehr, Strahlung und Abfälle oder Informationen zum Zustand der menschlichen Gesundheit. Das Thema ist sowohl politisch als auch ökologisch motiviert.

Erst durch die Bürgerbeteiligung können wir zielgerichtet Anwendungen entwickeln und erfahren, ob sie sinnvoll aufgesetzt sind…..

Für welche Umweltinformationen interessieren Sie sich? Machen Sie mit:

Hier geht’s zum BürgerLabor

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